Arbeitskreis hilft verstümmelten Kindern
Sri Lanka: Sogar der Spielplatz ist vermint

Münster -

Der Bürgerkrieg ist zwar schon lange vorbei, aber immer noch liegen Tausende von Landminen im Boden. Der Tsunami 2004 hat sie weit ins Landesinnere gespült, wo sie völlig unerkannt auf Opfer lauern. Nicht zuletzt spielende Kinder fallen ihnen zum Opfer. Der Arbeitskreis Sri Lanka unterstützt deshalb ein Reha-Zentrum im Norden der Insel.

Montag, 17.12.2012, 20:12 Uhr

Schwester Lourdes und Anthony mit seiner Familie. Anthonys Vater hatte sich den tamilischen Rebellen angeschlossen und ist seit Jahren verschollen.
Schwester Lourdes und Anthony (im Fahrrad-Rollstuhl) mit seiner Familie. Anthonys Vater hatte sich den tamilischen Rebellen angeschlossen und ist seit Jahren verschollen.

Fußball spielen kann auf Sri Lanka tödlich sein. Anthony zögert deshalb, als der Ball auf ein benachbartes Trümmergrundstück rollt. Holen oder nicht holen? Das Grundstück ist vom Sand des Indischen Ozeans bedeckt, ein Überbleibsel des verheerenden Tsunamis von 2004. Und in diesem Sand lauern die Minen. Anthony weiß das. Er riskiert es trotzdem.

Es ist die falsche Entscheidung. Eine verschüttete Landmine zerfetzt Anthonys Beine. Der Notarzt sieht keinen Ausweg als die Amputation. Doch im Krankenhaus im Kilinochchi kennt man sich aus mit Minenopfern: Die Chirurgen können die Beine retten. Allerdings sind sie nicht mehr zu gebrauchen. Der 15-Jährige ist und bleibt ein Fall für den Rollstuhl.

Ein sehr typisches Schicksal in der Bürgerkriegsregion im Norden Sri Lankas . Unzählige Kinder und Jugendliche haben durch die Bomben der Luftwaffe oder die Granaten der Infanterie Beine, Hände oder Augen verloren. Und die Landminen fordern auch über drei Jahre nach Ende des Bürgerkriegs ständig neue Opfer.

In den Krankenhäusern der lange Zeit umkämpften Region entwickeln die Ärzte eine furchtbare Amputations-Routine. Prothesen gibt es auch, sie werden von internationalen Hilfsfonds bereitgestellt. Doch nach der Erstversorgung bleiben die meisten Opfer sich selbst überlassen.

Der 15-jährige Anthony hat großes Glück im Unglück. Nicht weit vom Krankenhaus entfernt leitet die Holy-Family-Schwester Lourdes ein Rehabilitationszentrum, das vom münsterischen Arbeitskreis Sri Lanka unterstützt wird. Schwester Lourdes nimmt Anthony auf, besorgt ihm einen einfachen Rollstuhl und bringt ihn mit Schicksalsgenossen zusammen. Das stabilisiert den Jungen. Er geht zur Schule und entwickelt sich zum echten Computerfachmann.

Ein Happy End? Noch lange nicht. Die Armee besetzt das Grundstück und schließt das Haus. Mit Hilfe von Father Rohan Dominic können die Vertriebenen in Vavuniya ein neues Rehazentrum gründen. Und wieder sind die Münsteraner mit im Boot: Als im Sommer 2010 Lutz Löher, Jürgen Strieker und Christoph Merschformann vom Vorstand des Arbeitskreises das von 30 Hütten umgebene schlichte Hauptgebäude eröffnen dürfen, lernen sie Anthony kennen. Er ist jetzt für die Computer des Zentrums zuständig und schult die anderen Mitarbeiter.

Anthony zeigt den Gästen einen ziemlich alten Atlas und deutet auf Europa und das sehr kleine Deutschland. Zwischen Hamburg und Frankfurt hat er ein Kreuzchen gemacht: „Hier ist Münster. Hier leben die Menschen, die mit Schwes-ter Lourdes und Father Rohan mir geholfen haben“, sagt er. „Bitte denkt auch an die, die heute noch dringend Hilfe brauchen.“

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