WN-Spendenaktion 2017
„Ich will kein Mitleid haben“

Münster -

Schicksalschläge und eigene Fehler haben die Menschen obdachlos gemacht. In der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche bekommen acht von ihnen ein neues Zuhause. Einer davon ist Otto Zacher.

Samstag, 18.11.2017, 14:11 Uhr

In der Dreifaltigkeitskirche hat Otto Zacher ein neues Zuhause gefunden. Mit den Mietern im Anbau (r.) wird jede Woche ein Spielenachmittag veranstaltet.
In der Dreifaltigkeitskirche hat Otto Zacher ein neues Zuhause gefunden. Mit den Mietern im Anbau (r.) wird jede Woche ein Spielenachmittag veranstaltet. Foto: anf / Matthias Ahlke

Als er von seinen Jahren als Obdachloser erzählen möchte, bricht Otto Zacher in Tränen aus. Zu viel getrunken habe er, und auch Fehler gemacht. Bevor ihn die Gefühle übermannen, bringt er noch schluchzend heraus: „Ich war schon einmal ganz unten.“

In der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche an der Ecke Grevener Straße/Friesenring hat der 84-Jährige ein Zuhause gefunden. In den Wohnungen des Fördervereins für Wohnhilfen ist Zacher „ein Mieter der ersten Stunde“, erklärt Vereinsvorsitzender Bernd Mülbrecht .

Am 5. Februar 2013 – Zacher erinnert sich noch genau an das Datum – ist er in die profanierte Kirche gezogen. Er bewohnt dort ein kleines Appartement, knapp 30 Quadratmeter groß. Außerdem gibt es eine Gemeinschaftsküche. Zusammen mit sieben anderen Männern ist er Teil des Projekts „Wohnen 60 Plus“. Es bietet barrierefreien Wohnraum für ältere Menschen mit Hilfebedarf.

Jede Woche bringt die Haushaltshilfe, die für Otto Zacher und auch für andere Mieter einkauft, dem 84-Jährigen Schokolade mit. Doch der isst die Riegel nicht alle selbst, die meisten verschenkt er. An die Haushaltshilfen, die Krankenpfleger, an Bernd Mülbrecht und an Besucher.

Doch das Leben war für den Münsteraner nicht immer leicht. Fast 13 Jahre hat er im Haus der Wohnungslosenhilfe in der Bahnhofstraße gelebt. Über viele Jahre hat er sich immer mal wieder auf der Straße durchgeschlagen und auch den Kontakt zu seinen drei Brüdern verloren. Sprechen kann er über die Zeit nur schwer. Bei der Erinnerung kann Otto Zacher die Tränen nicht zurückhalten: „Ich will kein Mitleid haben, das ist nur der weiche Kern.“

Otto Zacher

Otto Zacher Foto: Anna Spliethoff

Heute trifft Zacher seine Brüder wieder ab und zu, auch in seiner kleinen Wohnung waren sie schon zu Besuch. An dem Appartement schätzt er vor allem die Ruhe: „Ich hab es gern, wenn es schön ruhig ist.“ Im Haus der Wohnungslosenhilfe gibt es nur Mehrbettzimmer, das sei auf Dauer sehr anstrengend gewesen. Er ist vor allem Bernd Mülbrecht dankbar: „Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich schon seit zehn Jahren tot.“

Mülbrecht und Zacher haben sich in den vielen Jahren schätzen gelernt. „Otto hat wirklich ein gutes Herz für andere Menschen“, sagt Mülbrecht, der auch lange Leiter des Hauses der Wohnungslosenhilfe war. Dort hat Otto Zacher vor zehn Jahren eine lettische Familie kennengelernt. Zwar lebt die Familie heute wieder in Lettland, doch Zacher unterstützt sie jeden Monat mit 130 Euro. „Otto ist auch ein Geber“, sagt Mülbrecht. Zacher selbst, der mit der Spende monatlich einen großen Teil seiner Rente abgibt, sieht die Sache anders: „Ich kann die Menschen da nicht hängen lassen.“

Wie in der Dreifaltigkeitskirche entstehen auch in den York-Höfen elf Appartements und eine Gemeinschaftsküche. Jede Wohnung hat eine eigene Küche und ein kleines Bad, außerdem Bett, Kleiderschrank, Tisch, Stuhl und einen Sessel. Dafür braucht der Verein aber Spenden, sagt Mülbrecht: „Das alles muss ja erstmal bezahlt werden.“

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