WN Spendenaktion 2017
„Raue Schale, weicher Kern“

Münster -

Jeden Tag kocht sie eine frische Mahlzeit, manchmal hilft sie bei der Wäsche oder setzt ein Hörgerät ein: Judith Schweitzer arbeitet im Wohnprojekt „Wohnen 60 Plus“. Und ist vor allem Ansprechpartnerin.

Mittwoch, 06.12.2017, 21:30 Uhr
Judith Schweitzer hat die Arbeit mit den ehemals Wohnungslosen sehr zu schätzen gelernt. Die Männer erzählen ihr viel von dem, was sie in den Jahren der Obdachlosigkeit erlebt haben.
Judith Schweitzer hat die Arbeit mit den ehemals Wohnungslosen sehr zu schätzen gelernt. Die Männer erzählen ihr viel von dem, was sie in den Jahren der Obdachlosigkeit erlebt haben. Foto: anf

Es ist kurz nach zwölf. Drei Männer haben in der Küche eine kleine Schlange gebildet. Einer von ihnen ist Otto Zacher . Er wirft einen kritischen Blick in den Topf, dann nickt er. Wenn es im Wohnprojekt „Wohnen 60 plus“ des Fördervereins für Wohnhilfen Mittagessen gibt, herrscht Zufriedenheit.

Judith Schweitzer steht am Herd und verteilt Eintopf auf Teller. Doch sie kümmert sich in den Räumen der umgebauten Dreifaltigkeitskirche noch um viel mehr: „Ich gucke vor allem, dass es den Männern gut geht.“ Sie und ihre Kollegin – beide sind als Halbtagskraft angestellt – unterstützen die ehemals Wohnungslosen im Alltag. „Vor allem sind wir Ansprechpartner für Sorgen, Nöte und schöne Sachen“, erklärt Schweitzer.

Das Projekt „Wohnen 60plus“ in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche bietet barrierefreien Mietwohnraum für ältere wohnungslose Menschen mit pflege- und hauswirtschaftlichem Hilfebedarf. Seit zwei Jahren arbeitet die gelernte Heilpädagogin in der Dreifaltigkeitskirche: „Ich hätte aber niemals hier angefangen, wenn es eine reine Koch­stelle gewesen wäre.“ Denn ihr gefällt am besten „der Kontakt zu den Menschen“. Am Morgen bereitet sie das Frühstück vor, kauft ein und kocht jeden Tag eine frische Mahlzeit. Zwei Euro be­zahlen die Männer dafür. „Der Essensplan wird nach den Wünschen der Männer gestaltet“, sagt Schweitzer. Oft gibt es Hausmannskost wie Eintöpfe oder Bratwurst. Das Wichtigste: „Während ich koche, ist die Küche offen.“ Viele Männer kommen vorbei, trinken Kaffee, klönen, lesen Zeitung oder hören Musik – Otto Zacher zum Beispiel legt meist Elvis Presley auf.

„Diese Präsenz ist sehr wichtig und tut den Männern gut“, findet Bernd Mülbrecht, Vorsitzender des Fördervereins. Judith Schweitzer behält den Überblick, ob es allen gut geht. Manchmal hilft sie bei der Wäsche, setzt ein Hörgerät ein – oder hört einfach zu. Die Männer hätten ihr mittlerweile von sich erzählt: „Sie alle haben eine raue Schale, aber einen weichen Kern.“ Oft bekommt Judith Schweitzer Schokolade oder ein Spielzeug für ihre Tochter geschenkt.

Doch alles können Judith Schweitzer und ihre Kollegin nicht leisten. Deshalb kommen täglich Mitarbeiter der Diakonie vorbei. Wolfgang Hölscher ist einer der ambulanten Pfleger. Er gibt den Männern Medikamente, die Ärzte ihnen verschrieben haben, und hilft auch beim Duschen und Anziehen. Und auch für den Haushalt gibt es noch Unterstützung: Einmal pro Woche wird geputzt und eingekauft. „Alle haben ein bisschen Zeit zur Eingewöhnung gebraucht“, hat Hölscher beobachtet. „Aber jetzt sagen die meisten auch: Es ist gut, dass mir jemand hilft.“

Auch im neuen Wohnprojekt in den York-Höfen soll für die ambulante Pflege gesorgt sein. „Das Gleichgewicht zwischen Selbstständigkeit und Versorgung ist uns wichtig“, sagt Mülbrecht. Jeder könne immer selbst entscheiden, wie viel Hilfe er bekommt. Damit die ehemals Wohnungslosen auch an den York-Höfen ein Zuhause mit der nötigen Unterstützung bekommen, ist der Förderverein jedoch auf Spenden angewiesen.

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