Arye Shalicars unglaubliche Geschichte
Alte Vorurteile im neuen Gewand

Münster -

Extra für einige Lesungen ist Arye Shalicar aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt. Vom Graffitisprayer aus Wedding und Opfer von Antisemitismus hat er sich zum Berater von Israels Außenminister Katz hochgearbeitet. Sein ernüchterndes Fazit zur Lage der Juden in Deutschland:

Freitag, 15.11.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 18.11.2019, 16:36 Uhr
Arye Shalicar
Arye Shalicar

„Machen wir uns nichts vor. Der Anschlag von Halle kam nicht überraschend. Und ich glaube, es wird neue Anschläge geben.“ Antisemitismus? Arye Shalicar weiß, worüber er spricht. Der im arabisch geprägten Berlin-Wedding aufgewachsene Deutsche mit iranischen Wurzeln bekam ihn als Jugendlicher hautnah zu spüren – das führte ihn fast in den Abgrund und letztlich zur Auswanderung nach Israel.

Dort studierte er, machte Karriere, arbeitete als Sprecher des Verteidigungsministeriums, heute berät er Außenminister Katz. Doch seine Erfahrungen in Deutschland wirken nach: Er hat seine unglaubliche Geschichte in einer Autobiografie verarbeitet, die gerade von Warner Brothers verfilmt wird. Und er hat ein zweites Buch geschrieben: „Der neu-deutsche Antisemit“.

„Es kann doch nicht sein, dass im Jahr 2019 in Deutschland Menschen angegriffen werden, nur weil sie als Juden erkennbar sind“, empört er sich bei einem Vortrag der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Münster. Während man in Tel Aviv pro­blemlos mit der deutschen Flagge herumlaufen könne („Man hat Deutschland verziehen“), gelte das umgekehrt für Berlin nicht. „Ich würde dort nicht mehr mit einer Israelflagge oder einer Kippa auf der Straße herumgehen.“ Nicht nur „ewig Gestrige“, sondern auch junge Menschen äußerten plötzlich alte Vorurteile: „Das hören sie doch zu Hause. Fast in allen Schulen, in denen ich in Deutschland geredet habe, kennt man Judenwitze. Christen, Muslime, Buddhisten – darüber werden keine Witze gemacht.“ Dabei gebe es doch nur sehr wenige Juden in Deutschland. Warum dieser Hass? „Es existiert etwas, was ganz tief sitzt, das geht politisch von links bis rechts, von Migranten zu Nichtmigranten.“

Es sei die neue Generation des Antisemitismus. Shalicar warnt davor, nur Zuwanderer als Ursache dafür zu sehen. Diese fungieren aus seiner Sicht nur als Verstärker. Der Tabubruch laufe quer durch alle Schichten. „Das macht mir Angst.“ Unterschätzt werde der linke Antisemitismus, der sich geschickt hinter einer überzogenen Israelkritik verstecke. „Diese dämonisiert, delegitimiert und legt doppelte Standards an Israel an, die für kein anderes Land der Welt gelten.“ Seine Erklärung: „Das dient in Deutschland dazu, Schuldgefühle zu verdrängen, frei nach dem unhaltbaren Motto: Israel ist ja auch nicht besser, als wir es waren.“

Shalicars Rezept: Begegnungen, am besten durch Schüleraustausche mit Israel. Die Auseinandersetzung mit dem Judentum beschränke sich oft auf das Gedenken an tote jüdische Mitbürger und Kerzenanzünden nach Anschlägen. Das sei zu einfach. „Wir müssen klar zum jüdischen Leben stehen.“ Wenn jemand sich kritisch zu Juden äußere, dürfe man nicht einfach weghören. Man müsse dagegenhalten. „Diese Gesellschaft muss aufwachen.“

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