Die traditionellen Konzerte aus Berlin und Wien – ohne Live-Publikum
Traumhafte Klänge in leeren Sälen

Münster/Wien -

Der Jahreswechsel wurde mit Konzerten gefeiert – in leeren Sälen. Arte lieferte Klänge der Berliner Philharmoniker, das ZDF übertrug das weltweit gefeierte Konzert der Wiener Philharmoniker mit Riccardo Muti. Fantastische Klänge – und für alle Menschen auf dem Globus der sehnliche Wunsch: 2021 möge besser werden als das Corona-Jahr 2020.

Freitag, 01.01.2021, 17:12 Uhr
Der Goldene Saal des Wiener Musikvereins bot eine seltsame Kulisse für das Neujahrskonzert unter der Leitung von Riccardo Muti.
Der Goldene Saal des Wiener Musikvereins bot eine seltsame Kulisse für das Neujahrskonzert unter der Leitung von Riccardo Muti. Foto: dpa

Es hätte ganz einfach sein können: die üppige zweite Rachmaninow-Sinfonie in einer Konzertaufzeichnung des SWR-Symphonieorchesters zeigen, eine der skurrilen Zugaben von Dirigent Teodor Currentzis dranhängen – schon hätte man ein faszinierendes ARD-Konzert zum Silvesterabend gehabt. Wer auch immer auf die Idee kam, das Hauptwerk um sein Finale zu amputieren, stattdessen ein Stück einzufügen, das nur in der Live-Situation funktioniert, und dann auch noch einen fast devoten Thomas Gottschalk beim Interviewversuch mit Currentzis zu zeigen: Er hat dieses „Silvesterkonzert“ in den Sand gesetzt. Wie der Dirigent im Abspann so richtig fragte: Und wo ist der Wodka?

Den brauchte man zum Glück beim Arte-Silvesterkonzert aus Berlin nicht. Kirill Petrenko servierte zunächst Beethovens Leonoren-Ouvertüre im schneidigen Stil des jungen Karajan und ließ sein Orchester anschließend in der leeren Philharmonie spanische und brasilianische Stimmung auskosten. Beim berühmtesten aller Gitarrenkonzerte, dem Concierto de Aranjuez von Joaquin Rodrigo, spielten die Bläser des Orchesters gemeinsam mit dem Solisten Pablo Sáinz-Villegas traumhafte Kammermusik; wer es lieber schmissig zum Jahresausklang mag, der konnte sich an das abschließende Capriccio espagnol von Rimsky-Korsakow halten. Dirigent Petrenko scheint sich mit der immer noch nötigen Geisterkonzert-Situation arrangiert zu haben, und die Moderation von Annette Gerlach hatte einen entscheidenden Vorzug gegenüber dem Vergleichsprogramm im Ersten: Sie informierte über die Werke.

Das geschah natürlich auch bei den Ansagen im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, ebenfalls im leeren Saal musiziert. Dem dirigierenden Altmeister Riccardo Muti bereitete die Situation zunächst sichtlich Unbehagen: Mit steinernem Gesichtsausdruck ließ er das Orchester aufstehen und verbeugte sich knapp in Richtung der leeren Stuhlreihen. In den Stücken Franz von Suppés schien seine Gestik zu sagen: Läuft doch, was soll ich hier noch dirigieren? Was ohnehin die Grundfrage der Wiener Neujahrskonzerte ist, deren Programm die Philharmoniker bekanntlich im Schlaf spielen. Aber dann gab es natürlich doch entscheidende Nuancen: Wie pompös und kontrastreich Muti den „Kaiserwalzer“ des Hausgotts Johann Strauß aufzog – das war schon außergewöhnlich. Mit dem eingespielten Applaus jener weltweiten Zuschauerschar, die auch ihre Fotos geschickt hatte, löste sich der Stimmungsknoten. Noch bevor die schimmernden Klänge des Donauwalzers den Zugabenhöhepunkt markierten, hielt Muti seine Ansprache, in der er die heilende Kraft der Musik betone. Und dann der Radetzkymarsch – ohne Klatscher!

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