Faktencheck
Was bringt ein Tempolimit auf Autobahnen?

Die einen fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt, die anderen erhoffen sich mehr Sicherheit. Es geht um eine allgemeine Tempogrenze auf deutschen Autobahnen.

Dienstag, 22.01.2019, 16:55 Uhr aktualisiert: 23.01.2019, 08:24 Uhr
Autos fahren auf der Autobahn A 81 auf einem Abschnitt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung.
Autos fahren auf der Autobahn A 81 auf einem Abschnitt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Foto: Sebastian Gollnow

Goslar (dpa) - In Deutschland wird seit Jahrzehnten über ein Tempolimit auf den Straßen gestritten. Aktuell in der Diskussion: eine generelle, nicht nur abschnittsweise Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen - mit Argumenten dafür und dagegen. Ein Faktencheck.

1. BEHAUPTUNG: Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen lässt die Zahl der Verkehrstoten sinken.

BEWERTUNG: Das ist schwer einzuschätzen. Autobahnen gelten heute schon als die sichersten Straßen in Deutschland, obwohl sie die am meisten befahrenen Strecken sind. Manche Experten versprechen sich von einem Tempolimit weniger schwere Unfälle.

FAKTEN: Autobahnen sind bezogen auf die gefahrenen Kilometer die sichersten Straßen. 2017 legten Kraftfahrzeuge nach Daten der Bundesanstalt für Straßenwesen etwa ein Drittel ihrer Strecke auf Autobahnen zurück. Aber nur jeder achte Verkehrstote (12,9 Prozent) entfiel auf eine Autobahn. Von den 409 Menschen, die hier starben, wurden 181 bei Unfällen getötet, bei denen Autofahrer die Höchstgeschwindigkeit überschritten hatten oder für die Straßen- oder Witterungsverhältnisse zu schnell gefahren waren.

Eine vom Potsdamer Ministerium für Infrastruktur und Raumordnung 2007 veröffentlichte Studie für Brandenburg ergab, dass dort, wo in dem Bundesland Tempolimits eingeführt wurden, die Zahl der Unfälle, Getöteten und Verletzten deutlich zurückging. Der ADAC hält einen Einfluss genereller Tempobegrenzungen auf die Unfallzahlen gleichwohl für nicht erwiesen. Er setzt auf flexible Höchstgrenzen, die den aktuellen Bedingungen auf der Straße angepasst sind, damit der Verkehr gut fließt.

2. BEHAUPTUNG: Geschwindigkeitsbegrenzungen tragen zum Klimaschutz bei.

BEWERTUNG: Unbestritten ist, dass der Ausstoß klimaschädlicher Gase zurückgeht. Es gibt unterschiedliche Auffassungen, ob dies ein generelles Tempolimit auf Autobahnen rechtfertigt.

FAKTEN: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war der Autoverkehr in Deutschland 2017 für die Emission von 115 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) verantwortlich. Im Vergleich zum Jahr 2010 war das ein Plus von sechs Prozent. Grund sind mehr Autos, höhere Fahrleistungen und immer stärkere Motoren.

Eine Studie des Umweltbundesamtes, die allerdings aus dem Jahr 1999 stammt, kam zu dem Ergebnis, dass sich durch ein allgemeines Tempolimit von 120 km/h der Stickstoffausstoß durch Pkw auf Autobahnen um 16 Prozent verringern würde. Beim CO2 wäre es ein Rückgang um 9 Prozent. Bezogen auf den gesamten Straßenverkehr wären es der Studie zufolge allerdings nur jeweils 2 Prozent. Das ist nach dem Urteil des ADAC nicht maßgeblich. Der Pkw-Verkehr insgesamt verursache etwa 13 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland. Die Einsparungen würden somit national kaum ins Gewicht fallen.

 

Mehr Tempolimits, weniger Unfalltote?

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  • Kaum ein Thema ist bei Autofahrern in Deutschland so umstritten wie Tempolimits. Eine Regierungskommission, die an Vorschlägen für mehr Klimaschutz arbeitet, hat die Idee jetzt wieder ins Spiel gebracht. Vor dem Deutschen Verkehrsgerichtstag wird nun darüber debattiert: Was spricht für Tempolimits, was dagegen?

    Foto: dpa
  • PRO: Die Zahl der Verkehrstoten könnte sinken: Tempo 30 innerorts: Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Ortschaften, weil die Zahl der Verkehrstoten seit Jahren kaum noch sinkt. „Wenn wir uns nicht damit abfinden wollen, dass jedes Jahr rund 3200 Menschen im Straßenverkehr ums Leben kommen, müssen wir uns etwas einfallen lassen“, sagt der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Michael Mertens. „Dabei spielt die Begrenzung der Geschwindigkeit eine wichtige Rolle.“ Denn: „Je schneller Fahrzeuge bei einem Zusammenstoß sind, desto größer sind auch die Kräfte, die auf die Insassen wirken“, sagt Mertens. Viele innerörtliche Straßen seien für Tempo 50 objektiv ungeeignet. Deswegen sei Tempo 30 als Regel dort angebracht. Nur für ausgebaute Hauptverkehrsstraßen sollte aus Sicht des GdP-Vize weiter Tempo 50 gelten.Der Allgemeine Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) unterstützt die Idee. „Wir setzen uns dafür ein, dass Tempo 30 zur Regelgeschwindigkeit in Städten wird“, sagt Sprecherin Stephanie Krone. „Wo höhere Geschwindigkeiten erlaubt werden sollen, muss das begründet werden. Bisher ist es andersherum.“

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  • PRO: Tempolimits auf Landstraßen: Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat plädiert für Tempo 80 auf schmalen Landstraßen. „Dort passieren mit Abstand die meisten Unfälle aufgrund von nicht angepasster Geschwindigkeit“, sagt Sprecherin Julia Fohmann. Der Automobilclub ACE unterstützt die Idee: Zuletzt seien auf Landstraßen jährlich rund 1900 Menschen gestorben, das seien knapp 60 Prozent aller Verkehrstoten gewesen, sagt eine Sprecherin des ACE. „Es besteht Handlungsbedarf.“ Eine Senkung der Höchstgeschwindigkeit für Autos habe zudem den Vorteil, dass die Zahl der gefährlichen Überholmanöver von Autofahrern sinken werden, die langsamere Lastwagen hinter sich lassen wollen. Aus Sicht des ADFC sollte auf Landstraßen ohne gut befahrbaren Radweg sogar nur Tempo 70 gelten.

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  • PRO: Tempolimit auf Autobahnen: Die Unfallforscher der Versicherer (UDV) fordern eine Diskussion über ein Tempolimit auf Autobahnen. „Die Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen den Fahrspuren nehmen immer mehr zu“, sagt Leiter Siegfried Brockmann. Auch die Gewerkschaft der Polizei sieht hier Handlungsbedarf. „Wenn jemand mit Tempo 180 unterwegs ist und vor ihm schert ein Fahrzeug mit Tempo 90 auf die Überholspur aus, geht das schnell schief“, sagt der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Michael Mertens.

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  • CONTRA: Tempolimits an Gefahrenstellen reichen aus: Der Automobilclub AvD hält einen Einfluss genereller Tempobegrenzungen auf die Unfallzahlen für nicht erwiesen. Stattdessen plädiert der Verband für Geschwindigkeitsbegrenzungen an Gefahrenstellen und Unfallschwerpunkten. Dies gebe es im übrigen schon jetzt auf vielen Autobahnen, Land- und innerörtlichen Straßen, sagte ein Sprecher.

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  • CONTRA: Mehr bauliche Maßnahmen: Der ADAC hält statt genereller Tempolimits Beschränkungen auf unfallträchtigen Strecken sowie bauliche Maßnahmen für sinnvoll. So sollten gefährliche Kreuzungen auf Landstraßen zu Kreisverkehren ausgebaut werden. Außerdem müssten mehr Überholstreifen angelegt werden, um Unfälle mit dem Gegenverkehr zu vermeiden. In den Städten sollten mehr Fahrstreifen- und -wege angelegt und zusätzliche Ampeln für Fußgänger installiert werden.

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  • CONTRA: Erfolg für Klimaschutz umstritten: Der ADAC hat untersucht, wie sich Tempo 30 im Vergleich zu Tempo 50 auf Pkw-Emissionen auswirkt. Sein Ergebnis: Tempo 30 führt aus Sicht des ADAC weder zur Reduzierung der Stickoxid- noch der CO2-Emissionen. Auch der AvD sagt, es habe bisher nicht nachgewiesen werden können, dass sich der Schadstoffausstoß durch Tempolimits verringern könnte.

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  • CONTRA: Würde die Zahl der Verkehrstoten wirklich sinken?: Die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht im Deutschen Anwaltverein kann generellen Tempolimits nichts abgewinnen. „Ich bin fest überzeugt, dass eine signifikante Senkung der Zahl der Verkehrstoten dadurch nicht erzielt würde“, sagte der Vorsitzende Jörg Elsner.

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