Kultur
Torsten Schulz' schräger Roman «Nilowsky»

Donnerstag, 01.01.1970, 01:01 Uhr

Schon einmal ist Torsten Schulz , Professor für Dramaturgie an der Potsdamer Filmhochschule, mit einem schrägen DDR-Roman positiv aufgefallen. Sein Buch « Boxhagener Platz » war eine Liebeserklärung an Berlin , eine Geschichte über eine ungewöhnliche Familie, die Ende der 60er Jahre mit einem geheimnisvollen Mordfall konfrontiert wird.

Das Werk kam ohne verklärende Ostalgie aus und verkaufte sich zehntausendfach. Matti Geschonnecks Verfilmung zog im Jahr 2010 gut 174 000 Zuschauer ins Kino. Bei der TV-Premiere Anfang Juli 2012 in der ARD schalteten etwa 2,3 Millionen den Fernseher ein.

Jetzt hat der virtuose Schreiber Schulz, der an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg lehrt, wieder zugeschlagen: Wieder Ost-Berlin, wieder geht es um die seltsamen Wege der Liebe. Und diesmal vor allem um Pubertätswirren und Freundschaft.

«Ich hatte immer Sehnsucht nach einem großen Bruder. Mit Nilowsky habe ich ihn mir erschaffen», sagt der Autor über seine namensgebende Titelfigur.

Der 14-jährige Markus Bäcker ist überhaupt nicht begeistert, als er im Jahr 1976 mit seinen Eltern an den Rand von Berlin ziehen muss - in ein schäbiges Eckhaus an einer lauten Bahnlinie, mit Blick auf ein stinkendes Chemiewerk.

Doch schon kurze Zeit später trifft er hier auf Menschen, die er sein Leben lang nicht vergessen wird, darunter abenteuerlustige ältere Frauen, die sich an die Gastarbeiter aus Mosambik ranschmeißen. Die Afrikaner leben in einer geheimnisvollen Baracke und wollen unter anderem mit blutigen Voodoo-Ritualen der Liebe auf die Sprünge helfen.

Zu verdanken hat Markus seine intensiven Erfahrungen dem bald volljährigen Reiner Nilowsky, mit dem er eine seltsame Freundschaft schließt. Markus Bäcker ist fasziniert von Nilowskys Weltsicht (inklusive Ansichten darüber, was ein echter Sozialismus wäre) und hat doch stets auch Angst vor dessen Unberechenbarkeit.

Über Nilowsky lernt er auch dessen große Liebe kennen, die geheimnisvolle Carola, die beschlossen hat, erstmal nicht älter als dreizehn Jahre alt aussehen zu wollen. Es kommt wie es kommen muss: Verhängnisvoll verliebt sich auch Markus in die junge Frau.

Reiner Nilowsky hat einen brutalen Kneipenwirt als Vater und redet oft sehr merkwürdig und geschwollen. Er verlangt Vertrauensbeweise von Markus - so findet sich der Jüngere zum Beispiel plötzlich mit der Zunge festgefroren an den Bahngleisen wieder. Die Rettung aus der Mutprobe ist knapp und ekelig.

Im Laufe der Geschichte, die das Dreiecksverhältnis von Markus, Reiner und Carola bis in die 80er Jahre hinein erzählt, gibt es noch einige Kuriositäten, Überraschungen, Todesfälle und Lügen. Spannend bis auf die letzte Seite.

«Nilowsky» fügt sich hervorragend in das zurzeit sehr beliebte Literatur-Genre ein, anhand persönlicher Familiengeschichten oder Ich-Erzählungen Gesellschafts- und Gefühlsgeschichte in bestimmten historischen Zusammenhängen zu schildern. Der filmerfahrene Torsten Schulz schafft intensive Bilder im Kopf des Lesers. Die kleinbürgerliche DDR der späten 70er und frühen 80er Jahre scheint in diesem Roman wiederaufzuerstehen.

Torsten Schulz

Nilowsky

Klett-Cotta, Stuttgart

285 S., Euro 19,95

ISBN: 978-3-608-93971-2

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