Kultur Nachrichten
Wie ein Stasi-Spitzel auf den Hund kommt

Donnerstag, 29.12.2011, 07:40 Uhr

Münster - Am Ende bleibt Josef Klempner nur noch sein alter Hund Hugo. Er ist der einzige, der dem Berufsspitzel der Staatssicherheit von seiner Familie geblieben ist und der einzige, der ihm geduldig zuhört.

Ein krebskranker Dackel, selbst ein Geschöpf der Stasi, und wie Klempner eine bittere Karikatur seiner selbst: treu ergeben und dem System der Herrchen bedingungslos ausgeliefert. Wenn ein Stasi-Opfer wie der ungarisch-deutsche Schriftsteller und Bürgerrechtler György Dalos die Stasi im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Hund“ kommen lässt, liegt der Verdacht der Abrechnung nah. Doch ganz so einfach macht es Dalos sich und seinen Zuhörern im Franz-Hitze-Haus nicht. Vielmehr verhandelt der ganz unbürgerliche Mittsechziger mit aristokratischem Vollbart und schwarzem Schlabberpulli in seiner Erzählung „Die Balaton-Brigade“ das große Thema der persönlichen Schuld und des Verrats am Beispiel eines kleinen, beinahe alltäglichen Dramas unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus. Genauer: Am Beispiel von Klempner, einem durchaus zweifelnden Menschen, aber letztlich bedingungslos gehorsamen Hauptmann im Ministerium für Staatssicherheit . Freilich ohne andererseits den Täter zum Opfer zu machen.

Anders als in Florian von Donnersmarcks Film „Das Leben der anderen“ durchläuft Dalos’ gebrochener Protagonist jedoch keinen Prozess der Läuterung. Klempner bleibt ein Mensch, der nicht aus seiner Haut kann. Ein Mensch, der trotz aller persönlichen Zweifel, trotz aller Liebe zu seiner Familie seine eigene Tochter am sozialistischen Bruderstrand bespitzelt und selbst dann noch den Dienst am Staat über das eigene Wohl stellt, als die Stasi längst zu einem Schatten ihrer selbst geworden ist und sein eigenes Leben vergiftet hat.

Klempner bleibt Teil eines Systems, das sich selbst zerstört. Frustriert, zornig und selbstmitleidig trottet der treue „Tschekist“ mit seinem stummen Gefährten nach der Maueröffnung durch die verhasste „Bumsrepublik“ und erzählt ihm auf sieben Spaziergängen seine von Dalos bisweilen ins Operettenhafte gesteigerte Geschichte. Die Geschichte eines Mannes ohne Heimat und Identität.

Die Ironie macht die Gedankenwelt seines armseligen Protagonisten erklärlicher, die oft unfreiwillige Komik wirkt entlarvender als jedes politische Statement. „Dalos’ Prosa ist eine einfache Rede über das Komplizierte, eine lange Anekdote über die Weltgeschichte der kleinen Leute“, bemerkte Schriftsteller-Kollege György Konrad einmal so treffend.

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