Kultur Nachrichten
Die Kulturhauptstadt-Orgel

Freitag, 21.12.2007, 14:12 Uhr

Dortmund / Gelsenkirchen . Die Geschichte klingt kurios: Eine Kirche in Dortmund, die mit ihrer Nachkriegs-Orgel nicht mehr zufrieden ist, soll ein Ersatz-Instrument bekommen, weil sich die Renovierung nicht mehr lohnt. Ein Instrument vom selben Orgelbauer, aber älter als das eigene Stück. Und von seinem derzeitigen Besitzer ausrangiert. Der befindet sich einige Kilometer westlich von Dortmund – es ist die Stadt Gelsenkirchen.

Seit einst Jens Lehmann vom FC Schalke 04 über den Umweg Italien zum BVB wechselte, hat es keinen vergleichbaren Transfer zwischen diesen beiden Ruhrgebietsstädten mehr gegeben. „Der Kulturhauptstadt-Gedanke spielt da schon eine Rolle“, sagt Gelsenkirchens Stadtsprecher Martin Schulmann über den möglichen Verkauf an den Ruhr-Rivalen. Die Orgel, um die es geht, hat ihre alte Heimat Gelsenkirchen bereits verlassen: Derzeit befindet sie sich in Kevelaer, wo sie von der Firma Romanus Seifert aufwendig saniert wurde. Und in der Zwischenzeit stellte sich heraus: Ihr Besitzer Gelsenkirchen hat keine Verwendung mehr für sie.

Für eine Kirche war diese Orgel eigentlich nie vorgesehen. Sie wurde im Jahr 1927 von der Firma Walcker in Augsburg für das Gelsenkirchener Hans-Sachs-Haus gebaut, das pompöse Rathaus der Ruhrgebietsstadt, in dem auch ein Restaurant, eine Bücherei, Privatbüros und nicht zuletzt ein großer Konzertsaal untergebracht waren. Dieser Saal bekam Walckers „Wunderorgel“, die fortan zu den wichtigsten ihrer Zeit in Deutschland gehörte, vergleichbar mit der Kirchenorgel von St. Reinoldi in Dortmund. Wesentlicher Unterschied: Für die Verwendung im Konzertsaal brauchte sie keinen dekorativen Orgelprospekt, dafür aber einen fahrbaren Spieltisch, der es dem Organisten ermöglichte, vor dem Publikum auf der Bühne zu spielen. Noch vor wenigen Jahren versuchte man in Gelsenkirchen, den Ruhm des Instruments mit einem großen Wettbewerb zu mehren. Als dann aber die lange Geschichte des Hans-Sachs-Haus-Umbaus zu dem Ergebnis führte, dass von dem maroden Gebäude außer der Fassade nichts mehr zu retten ist, war die Orgel plötzlich überflüssig geworden: „Wir haben in der ganzen Stadt nach einer weiteren Verwendung gesucht“, erzählt Sprecher Martin Schulmann, „aber da blieb nichts übrig.“

Auch in der Dortmunder Reinoldi-Kirche gab und gibt es eine Orgel der Firma Walcker. Das ursprüngliche, 1909 erbaute Instrument muss ein wahrer Gigant gewesen sein, mit 107 Registern auf fünf Manualen und Pedal an berühmten französischen Vorbildern orientiert. Doch die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs zerstörten es. Eine zweite Walcker-Orgel, kleiner als die erste, wurde nach dem Krieg erbaut. Die jedoch ist in einem schlechten Zustand: „Auch mit einer teuren Restaurierung kann man aus einem Trabi keinen Mercedes machen“, sagt Reinoldi-Kantor Klaus Müller und spielt auf die minderwertigen Materialien an, die in der Nachkriegszeit zur Verfügung standen – außerdem hätten auch renommierte Hersteller nach dem Krieg, weil der Bedarf so groß war, Orgeln in Massen „rausgehauen“. Deshalb hat der Kirchenkreis Dortmund-Mitte-Nordost beschlossen, statt eines neuen Instruments das gute Gelsenkirchener Stück zu kaufen – falls man sich einig wird. „Die eher kleine Orgel im Dortmunder Konzerthaus hat schon 1,5 Millionen Euro gekostet“, rechnet Müller vor, „wenn der Einbau der Walcker-Orgel 400 000 Euro kostet und der Kaufpreis stimmt, sparen wir erheblich und bekommen ein viel größeres Instrument.“ Wobei auch die Denkmalschützer noch ein kräftiges Wörtchen mitzureden haben, denn für die denkmalgeschützte Orgel müssen ja in der denkmalgeschützten Kirche eine neue Emporensituation und eine neue Schauseite geschaffen werden.

Und dann, wenn die im Januar beginnenden Verhandlungen erfolgreich verlaufen, könnte Westfalen etwas bekommen, was es sonst kaum gibt: einen „Originalschauplatz für deutsch-romantische Orgelmusik“. Klaus Müller, nach eigener Aussage „eigentlich ein Barock-Mensch“, freut sich auf die „süffige Klangwelt“ und hofft ebenfalls auf jenes Band, das Gelsenkirchen und Dortmund zusammenhalten soll: „Wir können das gemeinsam machen – wir werden ja schließlich Kulturhauptstadt.“

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