Kultur Nachrichten
Mitten aus dem Leben gegriffen

Donnerstag, 31.01.2008, 17:01 Uhr

Münster . Daniel Goldins Tetralogie getanzter Duette , die er zu dem einstündigen Quartett „ Wegerzählungen “ zusammenfasste, sind wie exquisite Kammermusik. 1994 in Münsters Pumpenhaus durch Mitglieder des Folkwang-Tanzstudios aus Essen uraufgeführt, ist diese elegische Tanztheaterkomposition längst ein international gefeierter „Klassiker“. Pina Bausch wünschte sich das 3. Duett, „Der Schatten und der Mond“ (La Sombra y la Luna, 1992), getanzt von Goldin selbst mit Alice Cerrato, für das Rahmenprogramm zur Verleihung des Deutschen Tanzpreises an sie. Jetzt hat Goldin die Duette neu einstudiert. Die Premiere im Kleinen Haus endete mit minutenlangem, herzlichen Applaus für den Choreographen und die beiden Paare Eun-Sik Park und Tsutomu Ozeki , Ines Petretta und Wilson Mosquera Suarez.

Mit zarter Poesie und Melancholie komponiert Goldin auf Volksmusik aus Irland und Galizien, vermengt mit Naturgeräuschen. Schrill pfeifender Wind durchschneidet den stockfinsteren Raum zwischen den Momentaufnahmen, die auf Schritte des Lebensweges von Menschen fokussieren. Verspielte Kindlichkeit und bizarre animalische Bewegungs-Imitationen blitzen immer wieder auf, vor allem in „La Sombra“. Park bringt den augenzwinkernden Humor und die unbefangene Fröhlichkeit wunderbar über, während Ozeki schwerblütig und immer todernst bleibt – schauerlich schön, aber so ganz anders als früher Goldin in diesem Part. Meist kämpfen sich die Tänzer wie Marionetten an unsichtbaren Fäden – liegend, stehend, hockend, zuckend und vibrierend – vorwärts als „Treibgut“ (A la Deriva, 1993) oder senden Signale der Hoffnung aus (in „Die Wallfahrt“/La Peregrinación, 1986). Fast immer stehen die Frau und der Mann hinter einander, selten einander zugewandt. Kaum je berühren sie einander oder sehen sich in die Augen. Und doch ist da immer wieder eine rührende Zärtlichkeit, ein Zusammengehören zu spüren, vor allem im letzten Duett „Tagesanbruch“ (Alborada, 1994). Petretta – wunderbar und so viel herber als ehedem die Französin Juliette Boinay – und der grandios rassige Suarez (der das schwere Erbe des Daniel Condamines mit Bravour antritt) schreiten, mit dem Rücken zum Publikum, wie ein Brautpaar auf dem Weg zur Kirche – oder sind's Trauernde hinter einem Sarg? In der Dunkelheit sehen sie plötzlich in der Ferne ein Licht. Goldins meisterliche Miniaturen bieten einen leisen Tanzabend – völlig abgehoben vom lärmenden Alltag. |

uenster.de

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