Kultur Nachrichten
Grenzenlose Globalisierung

Freitag, 14.03.2008, 14:03 Uhr

Manderscheid (dpa). Die Ideen von Karl Marx waren nach Ansicht des renommierten Kommunismusexperten Wolfgang Leonhard noch nie so lebendig wie heute. Das Leben in Deutschland sei eine exakte Illustration dessen, was der Philosoph und Ökonom vorhergesagt habe, sagte Professor Leonhard in einem Gespräch in Manderscheid in der Eifel.

Marx habe bereits im 19. Jahrhundert hervorgehoben, dass die „wirtschaftliche Probleme eines Landes“ die entscheidenden seien und alle Bereiche des Lebens beeinflussten. Streiks, Demonstrationen und Diskussionen um Managergehälter – das seien Beispiele wie aus einem Bilderbuch oder Film von Marx. „Marx würde heute sagen: So deutlich wie jetzt braucht ihr mir das nicht vorzuspielen“, sagte der 87-Jährige.

Marx habe „erstaunlich deutlich“ darauf hingewiesen, dass es bei der Entwicklung des Kapitalismus keine nationalen Grenzen gebe und „dass alles überschwappt“, sagte Leonhard. Er sei der Erste gewesen, der in seinem Konzept die Globalisierung in den Mittelpunkt gestellt und „zukunftsweisend beschrieben“ habe. „Es haben sich nur die Begriffe geändert“, sagte Leonhard, der 21 Jahre an der US-Elite-Universität in Yale als Kommunismusexperte lehrte. Der Arbeiter heiße heute Arbeitnehmer, der Kapitalist Unternehmer, die Auflehnung des Proletariats Streik.

Angesichts der Dominanz von wirtschaftlichen Fragen werde die Politik in Deutschland zunehmend überflüssig, „wenn sie nicht endlich wieder langfristige Perspektiven aufweist“. Derzeit drehe sich im Politikalltag „alles um Kleinigkeitsdinge und Fragen der nächsten sechs Monate“, sagte Leonhard. Es gebe keine Visionen und keine Perspektiven mehr – ein „Theorieverlust“ mache sich breit.

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