Kultur Nachrichten
Kinderoper „Brundibár“: Bewegender Appell für mehr Menschlichkeit

Montag, 10.11.2008, 19:11 Uhr

Münster - Brundibár – das ist Tschechisch und bedeutet im Deutschen „ Hummel “. Wobei die Tschechen mit diesem Begriff gern auch mal einen mürrischen, griesgrämigen Typen bezeichnen. Genau solch einer macht zwei Kindern das Leben schwer: Pepíèek und Aninka.

Die stehen seit Sonntag auf der Bühne des Kleinen Hauses der Städtischen Bühnen und betteln um ein paar Münzen in ihrer Mütze. Ihre Mutter ist krank und braucht unbedingt ein, zwei Liter frische Milch. Weil das Geld dazu fehlt, fangen die beiden Steppkes an zu singen. Mitten auf dem Marktplatz. Das ist zwar rührend, doch Brundibár, dieser halbe Riese mit seinem großen Leierkasten, stiehlt ihnen und ihren dünnen Stimmchen ganz klar die Show.

Hans Krása hat diese Geschichte vertont – für einen Wettbewerb Anno 1939, der aufgrund der politischen Ereignisse der Zeit nicht realisiert werden konnte. Krásas Stück kam dann vier Jahre später zur Uraufführung, an einem Ort, der ihm eine ganz besondere Bedeutung gab: im Konzentrationslager Terezín, das als Theresienstadt traurige Berühmtheit erlangte. Zigtausende Juden sind dort interniert und von dort aus in die Gaskammern geschickt worden, hier zog Hitler seine perfide Show ab und suggerierte der internationalen Öffentlichkeit, den Juden in Deutschland ginge es doch gut. „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ hieß der entsprechende Propaganda-Streifen, in dem auch Krásas Brundibár instrumentalisiert wurde.

Tatsächlich ist Brundibár ein Appell für Menschlichkeit , für Solidarität. „Gemeinsam sind wir stark“ – wer wie die Kinder auf dem Marktplatz diese Gewissheit real werden lässt, verschafft sich Gehör. Ganz buchstäblich: Pepíèek und Aninka bekommen Verstärkung, jetzt erst erreichen ihre Lieder die Leute. Und die Mütze ist auf einmal voller Geld für die Milch.

Brundibár ist ein rundherum gelungenes, stellenweise unter die Haut gehendes Gemeinschaftsprojekt der Kinder- und Jugendchöre am Paulusdom (Einstudierung: Andreas Bollendorf), der Westfälischen Schule für Musik und der Städtischen Bühnen. Jan Sturmius Becker (Regie) und Jacqueline Schienbein (Ausstattung) arrangieren das bunte, märchenhafte Treiben, in dem Katze, Hund und Spatz das kollektive Singen organisieren. Die Opernbühne ist voll hoch motivierter und quicklebendiger junger Leute, die fantastisch singen und spielen. Im Orchestergraben herrscht höchste Aufmerksamkeit – und alle Akteure unter Leitung von Ulrich Rademacher strotzen vor Selbstbewusstsein. Eine runde Sache!

Doch sie gemahnt auch an die Nazi-Barbarei, der Hans Krása und viele der Brundibár-Interpreten von 1943 zum Opfer fielen: Hohe Regale mit sorgsam beschrifteten Koffern bilden die Rückwand der Bühne. Koffer, die niemand mehr abholen wird. Dass solches nie wieder passieren darf, auch das ist die Botschaft an diesem Abend, für den es stürmischen Premierenbeifall gab.

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