Kultur Nachrichten
Kulturfreunde im Klangrausch

Münster - „Zwischen Rausch und Ekstase“ - kein schlechtes Motto für das Sinfoniekonzert, mit dem am Samstag das WDR-Musikfest 2009 in Münster glanzvoll eröffnet wurde. Bis zum 13. Juni sind 40 Konzerte terminiert...

Sonntag, 24.05.2009, 17:05 Uhr

Münster - „Zwischen Rausch und Ekstase“ - kein schlechtes Motto für das Sinfoniekonzert, mit dem am Samstag das WDR-Musikfest 2009 in Münster glanzvoll eröffnet wurde. Bis zum 13. Juni sind 40 Konzerte terminiert. Die ganze Bandbreite von neuer und alter Musik, von Jazz bis Kirchenmusik ist da zu erleben, in der Stadt und in der ganzen Region.

Rausch und Ekstase, zwischen beiden Polen spielt sich das pralle Leben ab, nimmt man das Stille, Lyrische, Betrachtende einfach mal in deren Mitte. So wie Hector Berlioz in seiner „Symphonie fantastique“, mit der das WDR-Sinfonieorchester im Großen Haus der Städtischen Bühnen süchtig machende Opiate in die Atmosphäre entließ.

Doch vor der Ekstase gab es erst einmal Futter für die Virtuosin! Die hieß Arabella Steinbacher und zählt zu den großen jungen Geigentalenten. Obwohl Beethovens Violinkonzert nicht unbedingt als Paradebeispiel für extreme Virtuosität auf vier Saiten gelten kann - Steinbacher bestätigt mit ihrer Interpretation ihren Platz in der Spitzenliga. Sie bettet ihren Solo-Part ein in das Orchester, versteht sich als prima inter pares, legt aber viel Brillanz in die Kadenzen, vor allem im Finale. Da zeigt die 1981 geborene Solistin all ihre Risikofreude und lässt ihrem Temperament ungezügelt freien Lauf. Genauso gut entströmt ihrem Instrument zart schmelzender Larghetto-Gesang, und Dirigent Andris Nelsons bereitet dazu ein Luxusbett aus samtweichen Streicher-Daunen. Steinbacher und Nelsons sind ein sich perfekt ergänzendes Duo, wobei der 1978 in Riga geborene Dirigent mehr als einmal den Eindruck erweckt, der Geigerin schlicht die Show zu stehlen. Da gibt es schon manch bizarre Posen am Pult, da überrascht der junge Maestro durch einigermaßen unorthodoxes Dirigat. Das ist gewöhnungsbedürftig, wenn er Yoga-gleiche Übungen absolviert oder seine Arme sich ausbreiten wie die Schwingen eines Adlers. Seis drum: Andris Nelsons vermittelt den Eindruck, seine Augen, Ohren, Hände tasteten und lauschten und wirkten überall im Orchester, von links nach rechts, von vorn bis hinten.

Gut für die nur mit enormem Organisationsaufwand zu realisierende „Grand Opéra“ in fünf Akten ohne Gesang - nichts anderes ist Berlioz Symphonie fantastique, der Spiegel seines eigenen Seelenlebens! Andris Nelsons dirigiert den Koloss auswendig. Weil er vielleicht mit Haut und Haar schon darin lebt, in dieser Welt aus Leidenschaften, enttäuschten Gefühlen? Hoffentlich nicht! In der zentralen „Szene auf dem Lande“ herrscht der Ton der Einsamkeit, der anschließende Marsch führt unbeirrbar zum Schafott. Knallhart fährt das Beil herunter, die Musik magert ab bis auf ein knöchernes Gerippe.

Aber dies ist ebenso ein Traum wie die finale Walpurgisnacht, eine Schauermusik, die Nelsons kaum verhexter hätte inszenieren können. Die WDR-Sinfoniker, präzis wie ein Uhrwerk, ziehen in jedem Takt mit. Und lassen ein Publikum zurück, das regelrecht benommen ist - hin und hergerissen zwischen Rausch und Ekstase.

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