Kultur Nachrichten
Beethovens Regen-Symphonie

Raesfeld - Der Westfale ist hart im Nehmen und lässt sich von einem kräftigen Schauer so schnell nicht die Stimmung vermiesen. Schon gar nicht beim Musikfestival vor dem malerisch angestrahlten Schloss Raesfeld...

Sonntag, 26.07.2009, 17:07 Uhr

Raesfeld - Der Westfale ist hart im Nehmen und lässt sich von einem kräftigen Schauer so schnell nicht die Stimmung vermiesen. Schon gar nicht beim Musikfestival vor dem malerisch angestrahlten Schloss Raesfeld, wo am Freitag das zweite Open-Air-Spektakel die Besucher anlockte, augenzwinkernd überschrieben mit „The First Night of the Proms “. Das Stoppelfeld verwandelte sich an diesem Abend ansatzweise in den nicht ganz trockenen Londoner Hyde Park. Für alles drumherum war bestens gesorgt, und wer keinen Picknick-Korb mitgebracht hatte, konnte sich vor Ort ausstatten. Günstig zu erwerben war ein zünftiges Lunchpaket, unter anderem mit Käse, Nussriegel, gekochtem Ei, Picknick-Decke - und Piccolo-Fläschchen. Was braucht es mehr?

Na selbstverständlich gute Musik. Und die kam vom eigens ins Leben gerufenen „ Westfalen Festival Orchester“. Beethovens Violinkonzert stand auf den Pulten, vielleicht nicht unbedingt das ideale Stück für einen solchen Rahmen. Doch Solist József Lendvay nahm sein Publikum nicht zuletzt durch die rasant hinausgeschleuderten Kadenzen gefangen. Am Ende des ersten Satzes machte es „Knack“ - und eine Saite seiner Stradivari verabschiedete sich. Dadurch ließ sich der ungarische Geiger, 2005 mit dem Echo-Klassikpreis dekoriert, aber kaum aus der Ruhe bringen. Er versprühte durch und durch Charme und sang nach Aufziehen einer neuen Saite den langsamen Mittelsatz wie eine tief empfundene Meditation. Jacek Kaspszyk dirigierte das Festival-Orchester grundsolide.

Mitten in der Konzertpause gegen 22 Uhr kam er dann: der Regen! Es goss in Strömen. Wie gut, dass ein Sponsor auf den Sitzplätzen Regencapes deponiert hatte, die nun zum Einsatz kam. Das Publikum blieb und lauschte Beethovens siebter Sinfonie eine Viertelstunde lang mit himmlischem Segen. Dann kurze Unterbrechung, und noch einmal zehn Minuten Wasser von oben beim quirligen Scherzo. Hier und im Finale ging Jacek Kaspszyk so richtig zur Sache, als wolle er das üble Wetter mit orchestralem Sturmwind fortjagen. Und siehe da: die Schleusen schlossen sich.

Musik unter freiem Himmel ist immer ein Risiko. Glück und Zuversicht, von beidem brauchen die Festival-Macher eine gute Portion. Und sie brauchen begeisterungsfähige Zuhörer, die sich bei Bratwurst, Bier und Beethoven gut unterhalten fühlen und nicht gleich beim ersten Regentropfen Panik bekommen. In Raesfeld kam all dies zusammen, hier gab es ein „Event“, das keinen übertriebenen Glamour verbreitete, sondern Bodenständigkeit bewies. Genau dies machte die vier Tage rund ums Schloss so sympathisch.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/458551?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F594054%2F594177%2F
Nachrichten-Ticker