Kultur
"Exzellenzcluster Religion und Politik" - eine Qualitätsmarke in Münster

Dienstag, 29.09.2009, 17:09 Uhr

Münster - Es gab Zeiten an der Universität Münster , da bebte und tobte es in Seminaren und Vorlesungen. Nein, das 68er-Getöse ist nicht gemeint. Eher schon die 70er und 80er Jahre, die zum Beispiel für eifrige Geschichts-, Politik- und Theologiestudenten spannend und prägend waren. Es drehte sich viel um Systemdebatten zwischen Kapitalismus und Kommunismus, es ging um die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Es ging aber auch um fundamentale Auseinandersetzungen zwischen Theologie und Atheismus, um Politische Theologie und vieles mehr. Das alles versandete in den 90er Jahren mehr und mehr. Manche betrieben fachliche Nabelschau. Speziell im Kirchenraum dominierte die Binnensicht, das Religiöse verschwand im nebulös Privaten.

Die Brisanz und das Konfliktpotenzial, das im Thema „Religion und Politik“ steckt, wurde erst mit dem Anschlag auf die Twin-Towers in New York am 11. September 2001 wieder in schockierender Weise ins Bewusstsein gespült. Seitdem fragt sich die Welt: „Gibt es einen ,Kampf der Kulturen?“

„Den gibt es in dieser Form nicht“, unterstreicht der renommierte münstersche Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf , Koordinator des Zentrums für Wissenschaftskommunikation. „Es gibt eher den jeweils national begrenzten Kultur-Konflikt in den jeweiligen Zivilisationen!“ Fehlende Demokratisierung, Unterentwicklung und hohes Aggressionspotenzial vor allem der jungen männlichen Bevölkerung spielen laut einer kürzlich veröffentlichten Bertelsmann-Studie eine Hauptrolle bei solchen nationalen und regional begrenzten Konflikten, die im Nahen Osten ebenso zu finden sind wie in Afrika oder Asien.

Mit diesen und anderen Themen zwischen „Religion und Politik“ setzt sich der „ Exzellenzcluster “ der Universität Münster auseinander, und es ist eigentlich um so erstaunlicher, dass diese mit millionenschwerer finanzieller Ausstattung geförderte Einrichtung gerade den Geisteswissenschaftlern in Münster zufiel, zumal man mit „Forschungsförderung“ sonst eher Hybridautos oder Windkrafträder verbindet.

Münster hatte hier also etwas zu bieten. Einen klaren Blick für die sozialen und globalen Probleme der Zukunft und die Bereitschaft, aus Fachbereichen von der Jurisprudenz und Politologie über die Geschichtswissenschaft und Ethnologie bis zur Theologie und Islamwissenschaft Erkenntnisse zu saugen für die Gestaltung einer humanen und friedlichen Welt.

„Im ersten Jahr ging es darum, uns zu formieren“, sagt Prof. Dr. Hubert Wolf und gerät ins Schwärmen über die neuen Möglichkeiten, die der fächerübergreifende Cluster bietet: „Ich habe tolle Erfahrungen gemacht mit Kollegen. Wann habe ich schon die Gelegenheit, mit Juristen über Normenbegründung zu reden oder mit einem Islamwissenschaftler über Schriftauslegung?“

Die ersten Themenansätze sind formuliert, es laufen Workshops, Forschungs- und Monografieprojekte. Wolf: „Demnächst treffe ich mich mit dem Shoa-Experten Saul Friedländer. Wissenschaftler aus vielen Ländern werden jetzt auf Münster aufmerksam. In der nächsten öffentlichen Ringvorlesung berichten auch Islamwissenschaftler, Ethnologen und sogar ein Theaterregisseur darüber, mit welchen Ritualen Menschen in religiöse und weltliche Ämter eingesetzt werden. Da geht es genauso um Barack Obama und den Papst wie um mittelalterliche Kalifen und indische Könige. Das wird äußerst spannend.“

Natürlich könne man keine tagesaktuellen Patentrezepte für Politiker liefern, ergänzt Wolf, der als Kirchenhistoriker für seine öffentlichkeitswirksamen Forschungen unter anderem bereits mit dem Leibniz- und dem Communicator-Preis ausgezeichnet wurde. Es gehe vielmehr um ein großes Reservoir an „Deutungswissen“, um Konflikte in der Welt zu verstehen und langfristig Lehren zu ziehen.

Mittlerweile ist „Münster“ sogar in Italien ein „Label“ für das wissenschaftlich exzellent aufgearbeitete Themenfeld „Religion und Politik“. Mit anderen Worten: Es tut sich was an der Universität Münster. Sie macht von sich reden. So soll es sein.

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