Kultur Nachrichten
Weite musikalische Landschaften

Mittwoch, 04.11.2009, 16:11 Uhr

Münster - Ursprünglich hatte Friederike Wiechert das Flötenkonzert von Carl Nielsen auf das Programm ihres Solo-Auftritts beim dritten Sinfoniekonzert setzen wollen. Doch im Januar erlebte sie in Köln die Musik, die der lettische Komponist Peteris Vasks für Flöte und Orchester geschrieben hat. Das war Liebe auf den ersten Blick. Und von jetzt auf gleich stand fest: dieses Stück würde sie in Münster präsentieren. So geschehen am Dienstag im Großen Haus.

Peteris Vasks ist ein Klangmaler, wenn nicht sogar Klangmagier. Das Orchester nutzt er als unerschöpfliches Reservoir, aus dem heraus immer wieder neue imaginäre Bilder entstehen, Landschaften von großer Weite, mal im Panorama-Blick betrachtet, mal ausgeleuchtet bis ins kleinste Detail. „Cantabile“ steht über den Ecksätzen des Konzertes - und genau so führt Friederike Wiechert ihr Instrument: gesanglich, frei strömend, immer im Bewusstsein des ganz großen musikalischen Bogens, der Gestalt bekommen möchte. Ganz im Kontrast dazu der Mittelsatz „Quasi una burlesca“ mit seinem stolpernden Rhythmus, seiner rastlosen Bewegung, bei der Solo-Flöte und Orchesterinstrumente genau mitein­ander verzahnt sind. Dirigent Arvo Volmer leistet da grandiose Koordinationsarbeit. Dann sinkt der Taktstock, und die große Flöten-Kadenz beginnt, technisch und musikalisch brillant gemeistert, fast so etwas wie ein Frage- und Antwortspiel, behutsam in die Zweistimmigkeit geführt, indem die Interpretin zugleich flötet und summt!

Doch nach der Burleske kehrt wieder Ruhe ein, große Melancholie breitet sich aus. Ist es Trauer? Vasks lässt das Orchester sich mehrfach ins Fortissimo kämpfen, von Neuem ansetzen - am Ende ist die Musik auf ganz subtile Weise verhaucht.

Friederike Wiechert wurde gefeiert, der auf die Bühne gebetene Komponist nicht weniger. Er trifft mit seinen Klängen auf offenen Ohren all der Zuhörer, die mit dem Konstruierten und Verkopften, das in der Neuen Musik auch seinen Platz hat, nichts anzufangen wissen.

Der Rahmen für Vasks Flötenkonzert hätte besser nicht sein können, denn auch Leonard Bernsteins Suite „On the Waterfront“, entstanden nach der Musik zum Film von Elia Kazan, weckt bildhafte Assoziationen, changierend zwischen kraftvoll dicken Pinselstrichen und lyrischen Pastelltönen. Mit denen kann es Jean Sibelius siebte Sinfonie locker aufnehmen. Das sind zwanzig Minuten Musik voller Lebendigkeit, auch wenn die Grundfarbe der Leinwand eher düster ist. Arvo Volmer, dessen Dirigat an Eindeutigkeit und Präzision nichts zu wünschen übrig lässt, entwickelt ein unglaubliches Spek­trum an Emotionen, lässt blä­sersatte Harmonien fließen, entwickelt beklemmende Bedrohlichkeit, schafft abrupte Stimmungswechsel, die einem unberechenbaren Gebirgswetter gleichen. Münsters Sinfonieorchester zeigt sich in Bestform, den ganzen Abend über.

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