Léa Cohens „Calderon-Imperium“
Liebe und Verrat

Montag, 12.04.2010, 18:04 Uhr

Bulgarien, die Nazis, eine jüdische Familie und ein Zeitsprung in die Gegenwart: Es ist keineswegs ein historischer Roman, den Léa Cohen mit ihrem Calderon-Imperium da vorgelegt hat, auch wenn sich das Buch wie ein Krimi liest. Im Kern ist es ein blankes Stück Zeitgeschichte im Gewand moderner Literatur, die durch die Authentizität ihres Inhaltes eine fürwahr besondere Note erhält.

Sofia 1943: Jules Calderon , Patriarch, Patriot und Eigentümer eines weit verzweigten Firmenimperiums, soll aufgrund der antijüdischen Gesetze enteignet werden. Als Gegenleistung, so bezeugt ihm der Zar höchstselbst, dürfe er mit seiner Familie in die USA emigrieren. Wenige Tage bleiben ihm noch, Tage die er auf seine Weise nutzt. Am Ende steht sein Freitod und die Tatsache, dass er sein Vermögen, ein Tabak-Unternehmen, ein Bankhaus, eine Versicherungsgesellschaft und Immobilien in bester Lage, an das anonyme Konsortium „Alternus“ vermacht hat, an das weder die Nazis noch später die Kommunisten herankommen.

Das ist die Ausgangslage, aus der heraus Cohen eine spannende Geschichte in der Jetzt-Zeit schreibt. Vordergründig geht es natürlich um die Suche nach dem Verbleib des Vermögens, darum, einen Zugang zu „Alternus“ zu finden. Im Kern aber - und das macht das Buch so spannend - dreht es sich um Liebe und Verrat , darum, dass auch Täter letztlich Opfer sein können und es im Leben der drei Hauptfiguren Eva Marinova, Lora Benbassat und Lisa Calderon einen Mann gab, der nicht das war, was zu sein er vorgab.

Es ist vor allem Cohens Erzählperspektive, die dem Buch eine eigenwillige Note verleiht. Sie erzählt die Geschichte in vier Teilen - jeweils aus dem Blickwinkel der drei Frauen und dem jenes Mannes, der Viktor hieß und der sich wie ein roter Faden durch das Leben der drei zog. Am Ende knacken Eva, Lora und Lisa natürlich das „Alternus“-Geheimnis. Vor allem aber stellen sie fest, wie sehr die Suche nach dem Vermögen ihr Leben bestimmt hat, und wie wenig sie all die Jahre davon wussten.

» Léa Cohen. Das Calderon-Imperium. Zsolany-Verlag, Wien 2010, 384 Seiten, 21.50 Euro

Elmar Ries

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