Kultur Nachrichten
Die Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“: Jetzt trägt sie wieder Rot

Donnerstag, 22.07.2010, 17:07 Uhr

Münster - Darf die das? So haben manche Festspielfans verdutzt gefragt, als vor zwei Jahren die Schauspielerin Sophie von Kessel die Rolle der Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“ übernahm. Und dabei ging es keineswegs um die Schauspielerin selbst, auch wenn sie gewissen Anhängern barocker Fülle etwas zu schlank vorgekommen sein mag.

Sondern um die Farbe ihres Kleides: blau, leuchtend kobaltblau. Das hatte es noch nie gegeben. Von Christiane Hörbiger über Senta Berger bis hin zu Dörte Lyssewski oder Nina Hoss trug die Buhlschaft entweder Rot oder, wie etwa Veronica Ferres, eine hellere Variante. Im Extremfall war sie mal so blass gewandet wie Marie Bäumer. Aber Blau . . .

Starke Farben, kräftige Kontraste: Sie prägen das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“. Hugo von Hofmannsthal schrieb es als Mysterienspiel nach Texten aus dem 15. und 16. Jahrhundert. 1920, neun Jahre nach der Berliner Uraufführung, brachte er es erstmals in Salzburg heraus.

Kritiker finden zwar, dass es in seiner moralischen Zeigefinger-Ästhetik und der kunstvoll altertümelnden Sprache etwas museal wirkt - aber gerade deshalb wird es als Touristenmagnet der Salzburger Festspiele so sehr geschätzt.

Die eigentliche Botschaft ist klar: Der reiche Titelheld, der sich unbarmherzig gegen die Armen zeigt, findet erst im Angesicht des Todes, wenn ihm der Mammon nichts mehr nützt und seine guten Werke zu schwach sind, ihm zu helfen, zur Reue und zum Glauben. Ob er damit aber jene Erschütterung bei den Zuschauern auslöst, die aus fiesen Egoisten langfristig liebe Wohltäter macht, ist nicht gewiss.

Das Stück und seine Aufführung sind jedenfalls auf wunderbar altmodische Weise eine spektakuläre Show. Was nicht nur an der langjährigen Tradition des Salzburger „Jedermann“ liegt, nicht nur am Rang der berühmten Festspiele und auch nicht an den Stars, die verpflichtet werden - damit versuchen auch Aufführungen in anderen Städten zu punkten. Nein, im Salzburger „Jedermann“ dient die einzigartige Stadt mit dem abgeschlossenen Gebäudeensemble um den Domplatz als mitwirkende Kulisse.

In sommerlicher Nachmittagssonne beginnt idealerweise das Spiel vor den gewaltigen Steinfiguren des barocken Doms, und wenn die Schatten länger werden, ist die Zeit für die schaurig-schönen „Jedermann“-Rufe gekommen, die aus großer Höhe herabschallen und die Vögel auffliegen lassen, bevor der Tod gar gruselig aus dem Hintergrund des Domes hervortritt und dem armen Helden aufs Herz schlägt. Wer je erleben musste, wie eine „Jedermann“-Aufführung bei schlechtem Wetter im Festspielhaus stattfindet, der weiß, was dem Stück ohne diese Kulisse fehlt.

Um die Fallhöhe des Helden deutlich zu machen, finden sich nicht nur Gesellen und Saufkumpane an seiner Seite, sondern auch eine schöne Frau. Das ist die Buhlschaft, die den Jedermann umschwärmt und verwöhnt, bis sie angesichts des Todes mit panischem Schrei die Flucht ergreift. Ein paar Zeilen Text, ein hübscher Auftritt und ein dramatischer Abgang: Viel Kritikerlob kann die Schauspielerin damit nicht ernten. Wohl aber große Aufmerksamkeit. Wie schaut sie aus, wie rennt sie raus, vor allem aber - was trägt sie: Das sind seit Jahrzehnten die klassischen Salzburger Sommerfragen.

Gewiss gibt es viele Festspielaufführungen, in denen die Kunst und ihre gesellschaftliche Relevanz stärker im Mittelpunkt stehen als beim „Jedermann“. Aber dass Birgit Minichmayr als Buhlschaft „heuer“ in Orangerot daherkommt: Das ist ebenfalls wichtig.

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