Kultur Nachrichten
Strandgut im eigenen Dorf

Donnerstag, 23.09.2010, 19:09 Uhr

Münster - Die „ Paradiesstraße “, das ist die Dorfstraße in dem Flecken Bittehnen (heute Bitenai) im Memelland. Dort spielen die Kinder unbekümmert wie sonstwo, malen mit Kreide auf die Straße. Doch diese Idylle trügt. Denn Bittehnen und seine Bewohner werden im Laufe des 20. Jahrhunderts Manövriermasse. Die Menschen im Grenzland sind Strandgut im eigenen Dorf, hin- und hergeworfen zwischen zwei Weltkriegen und zwischen deutschen, polnischen sowie sowjetischen Gebiets- und Machtansprüchen. „Paradiesstraße“, so heißt das eindrucksvolle Stück nach dem Buch der Journalistin Ulla Lachauer , die vor einigen Jahren das Leben der kleinen Bäuerin Lena Grigoleit (1910-1996) aufgeschrieben hat. Gestern Abend feierte es in der Johanneskapelle an der Bergstraße eindrucksvoll Premiere.

Zwei Lena Grigoleits treten dem Theatergast entgegen. Da ist die alte Lena, die monologisierend ihre gesamte Lebensgeschichte und die Schicksalsschläge erzählt, nochmals durchlebt und beweint. Regine Andratschke verleiht ihr Stimme und Ausdruck, hat eine Menge Text parat und bringt ihn trotz der zum Teil heiklen Akustik der Kapelle gut zum Klingen. Ihr zur Seite steht die junge Akteurin Sigute Gaudusyte-Jankuniene, die in gleicher Kluft mit dicken Stiefeln, Arbeitskittel und Kopftuch die junge Lena darstellt und dem Erzählstoff an der einen oder anderen Stelle litauisches Leben einhaucht. Beim Tanz auf dem Dorffest etwa, oder beim Drehen am Senderknopf des Radios, das mit lustiger Musik die einzige fröhlich stimmende Verbindung zur Außenwelt darstellt. Denn Lena Grigoleits Leben besteht vor allem aus Arbeit - ob auf dem eigenen kleinen Hof oder in der Sowchose im fernen Sibirien, wohin sie nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie verschleppt wird.

Barbara Wachendorff inszeniert schlicht und ergreifend. Ein Küchentisch und ein paar Haushaltsutensilien, die permanent ein- und ausgepackt werden, künden von steter Umsiedlung, Flucht und Heimkehr.

Lena, die gebildete Bäuerin, ist fassungslos, wie sie und ihre Familie zum Treibgut fremder Interessen werden. Nach Sibirien kehrt sie dennoch ins eigene Dorf zurück, fühlt sich nach der Wende 1991 in Litauen endlich frei. Ob es den Aussiedlern im Westen besser geht? Da hat sie ihre Zweifel. Ein hartes Leben. Ein Schicksal, wie es Millionen Menschen in Europa erlebten. Lange hat man Menschen nicht nach ihren Biografien befragt. Jetzt werden diese Schicksale endlich zum Klingen gebracht. Für die beiden Darstellerinnen gab es lang anhaltenden Applaus.

» Weitere Vorstellungen heute und Samstag um 17.15 Uhr.

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