Kultur Nachrichten
Hitler vom Sockel geholt

Donnerstag, 14.10.2010, 19:10 Uhr

Berlin - Seit 65 Jahren ist Hitler tot, und seit 65 Jahren suchen verschiedene Nachkriegsgenerationen nach dem richtigen Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus - von der Verdrängung in der Nachkriegszeit über die erste Aufarbeitung in den dynamischen 60er Jahren mitsamt dem Urteil über die Väter in der 68er-Bewegung bis hin zur pluralistischen Gesellschaft heute, die für sich in Anspruch nimmt, aufgeklärt zu sein und die Thematik nüchtern betrachten zu können.

Dennoch scheint eine Ausstellung über Hitler in der Öffentlichkeit ein besonderes Wagnis zu sein. Mit entsprechendem Fingerspitzengefühl und einem ausgefeilten Konzept ist der münsterische Historiker Professor Dr. Hans-Ulrich Thamer nun dieses Wagnis eingegangen. An keinem geringeren Ort als im Deutschen Historischen Museum Berlin wurde gestern die von ihm mitinitiierte Sonderausstellung „Hitler und die Deutschen - Volksgemeinschaft und Verbrechen“ eröffnet.

Rund 600 Objekte sowie 400 Fotos und Plakate zeigen auf 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche das Wechselverhältnis zwischen Hitlers Führerherrschaft und den Erwartungen des Volkes und seinem Verhalten: Es geht hier also nicht um Hitler allein, nicht isoliert als Einzelperson, sondern immer um das Zusammenspiel mit dem Volk, das Hitler erst zum Führer machte. „Die Ausstellung veranschaulicht“, so Thamer, „wie Hitler - als Person ein Niemand - im Medium der Politik die Sehnsucht des Volkes nach einem Erlöser, nach einer Führerfigur erfüllt.“ Besonders eindrucksvoll zeigen dies die Briefe, die Hitler im Jahre 1932, also noch vor der „Machtergreifung“ von Frauen und Kindern erhalten hat, die sich danach sehnen, dass er bei den Wahlen gewinnen und endlich Deutschland retten möge.

Zu den eindrucksvollsten Exponaten zählt ein gewaltiges Sideboard aus dem Arbeitszimmer Hitlers in der Neuen Reichkanzlei. Die Wirkmächtigkeit des Objektes wurde ganz bewusst von den Ausstellungsmachern herabgesetzt, Architekt und Gestalter Klaus-Jürgen Sembach haben das Möbelstück auf einer schiefen Ebene auf rotem Grund und hinter einer Gazewand (halbdurchsichtiger Stoff) positioniert und damit dekonstruiert. Die Verwendung von Gaze als Stilmittel zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellungsräume und dient den Ausstellungsmachern als Instrument, Hitler von einem glorifizierenden Sockel zu holen.

Zudem arbeiten Thamer und Sembach mit der ständigen Gegenüberstellung von Hitler und seiner Volksgemeinschaft mit den ausgegrenzten Minderheiten. „Diese Exklusion ging bis hin zur physischen Vernichtung“, erklärt Thamer, „und das nicht im Geheimem, sondern vor den Augen aller.“ Heute sei klar: „Man konnte wissen, wenn man wollte.“ Beispielhaft ist hier die jüdische Minderheit zu nennen. Auf beeindruckende Weise zeigt diese Ausgrenzung ein auf den ersten Blick kitschig, aber ansonsten unscheinbares Porträt einer Frau. Doch es hat seinen Grund, weshalb diese „Kunst“ nicht an der Wand hängt, sondern frei im Ausstellungsraum steht. Auf der Rückseite erkennt man nämlich, welchen Ursprungs der Bildträger ist: Es ist eine entweihte Thora-Rolle, die zerschnitten und als Leinwand benutzt wurde.

Dass Hitler auch so viele Jahre nach Kriegsende noch die Gemüter bewegte, zeigt eines der berühmten Hitler-Tagebücher, die sich in einem großen Skandal als Fälschung herausstellten. „Hitler und kein Ende“ heißt der Ausstellungsraum, in dem die Wirkung Hitlers nach seinem Tod epilogisch behandelt wird, und es wird auch wohl weitere Generationen geben, die sich ihr eigenes Bild machen von Adolf Hitler und darüber, wie sein Erfolg möglich wurde. Wie die heutige Forschung dies beurteilt, ist noch bis zum 6. Februar 2011 in Berlin zu sehen.

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