Dramen aus der Küche
Turbulent und tiefsinnig: Roland Schimmelpfennigs „Der Goldene Drache“ im Borchert-Theater

Münster -

Fünf Menschen in der engen Küche, es ist heiß, im Restaurant herrscht Hochbetrieb, und einer der Köche hat schreckliches Zahnweh. Aber ein Zahnarztbesuch kommt für den illegalen Einwanderer nicht in Frage. Also greifen die Kollegen zur Rohrzange, denn so viel ist klar: Der Zahn muss raus.

Mittwoch, 22.12.2010, 18:12 Uhr

Es beginnt mit einer dramatischen Situation, gibt sich aber sofort als Komödie zu erkennen, das Stück „Der Goldene Drache “ von Roland Schimmelpfennig . Zumal Regisseur Johannes Kaetzler im Wolfgang-Borchert-Theater seinem Ensemble ein furioses Tempo verordnet hat: Da rattern die Dialoge so atemberaubend über die Rampe, wie die Bestellungen in der Küche des „Thai-China-Vietnam-Restaurants“ eintreffen, und Autor Schimmelpfennig macht sich und dem Publikum einen besonderen Spaß daraus, die Namen der asiatischen Gerichte als Leitmotiv-Stakkato erklingen zu lassen: „Thai-Suppe mit Hühnerfleisch, Zitronengras und Zitronenblättern – scharf!“

Das Restaurant und die Wohnungen darüber sind ständig wechselnde Schauplätze einer Handlung, bei der fünf Schauspieler im Handumdrehen die Rollen wechseln: So ist Florian Bender mal ein Greis, mal eine erbarmungswürdige Grille, Monika Hess-Zanger wird von der Enkeltochter zum trunkenen Lebensmittelhändler, und das hinreißend-gelangweilte Stewardessen-Duo Sven Heiß und Heiko Grosche macht sich natürlich auch als asiatisches Koch-Team gut.

Männer spielen Frauen, Junge spielen Alte, vom streitenden Paar geht es flugs zur Zahn-Behandlung in der Restaurantküche: „Short Cuts“ à la Schimmelpfennig. Und weil das Tempo so hoch ist und die Schauspieler scheinbare Regie-Anweisungen wie „Pause“ oder „Ich lache“ sprechen müssen, merkt man kaum, mit welch einfachen Mitteln der viel gerühmte Autor seinen komödiantischen Wirbel entfacht.

Dann aber, wenn man nach etwa einer Stunde schon überlegt, ob sich die Effekte nicht irgendwann mal verbrauchen, wendet sich plötzlich das Blatt: Ein Mensch ist im Restaurant gestorben. Und die Schauspielerin Saskia Boden, zuvor noch turbulent zwischen den Clownerien eines gehörnten Ehemannes und dem kreischenden Leiden des Zahnschmerz-Kochs wechselnd, spricht den Monolog des Mannes, der aus der Fremde in ein unbekanntes Land kam und als Toter auf verschlungenen Wegen in die Heimat zurückkehrt.

Es ist ein langer, stiller Moment – so bewegend, wie ihn jenseits des Alltags nur das Theater erschaffen kann. Auch das Schicksal der zunächst so lustigen Grille steht nun in einem anderen Kontext da.

Natürlich bekommt das Stück im Wolfgang-Borchert-Theater in Münster noch seinen komödiantischen Schluss. Aber die begeisterten Zuschauer haben an einem turbulenten Abend, der jeder Boulevard-Aufführung zur Ehre gereichen würde, zugleich ein ernstes Drama miterlebt.

| www.wolfgang- borchert-theater.de

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