Kultur Nachrichten
Kontrasterfahrungen auf der Insel

Sonntag, 29.05.2011, 16:05 Uhr

Münster - So lieben Münsters Tanzfreunde „ihren“ Goldin: Wenn die düstere Welt tiefer Melancholie urplötzlich krachend zusammenbricht und ein kunterbuntes Chaos die Bühne mit Leben füllt. Obwohl Requisiten und Chiffren signalisieren, dass der helle Schein trügt, bricht sich Begeisterung Bahn. Mit stehenden Ovationen feierten die Premierenbesucher von Daniel Goldins neuem Tanzstück „Isola“ die zwölf Tänzer, den Choreografen und seine bewährten Mitarbeiter Matthias Dietrich (Bühne), Gaby Sogl (Kostüme) und Laura Delfino (Assistenz und Training).

Ein hölzerner Steg ragt weit ins Parkett. Durch die Öffnung in einer hohen Bretterwand fällt ein Lichtstrahl bis zu den abgebrochenen Pfählen, die das frei schwebende schmale Holz tragen. Alice Cerrato im strengen Hosenanzug marschiert nach vorn und rezitiert mit leiser Stimme und sparsamer Gestik einen italienischen Text über die Insel. Begriffe wie „isola“ - „desolata“ - „isolazione“ sind auszumachen. Hsuan Cheng tänzelt mit geschmeidigen, eleganten Bewegungen herein. Immer mehr Menschen in dunklen Anzügen, Over­alls, Hosenröcken treten auf - mit ernsten Minen, in sich gekehrt.

Ein grüblerischer Asket Damiaan Veens fällt auf, ein kurzes Aufblitzen von Fröhlichkeit auf dem Gesicht der zierlichen Helena Maciel Fernandino. Die weit ausladenden Gesten von Ines Fischbach und die hohen Sprünge von Antonio Rusciano ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Als Cluster durchmessen alle gemeinsam den Raum diagonal, fädeln sich auf zum Defilee auf dem Catwalk.

Elegische Kammermusik mischt sich mit motorisch vibrierender südamerikanischer Folklore, Oboe und Klarinette wetteifern mit Kindergeplapper, sakrale Klänge (des bulgarischen Frauenchors „Le Mystère“) unterstreichen die Aura mysteriöser Rituale. Ohne Zäsur greift ein Musikstück in das nächste, wechseln Soli mit dynamischen Gruppensequenzen. Seltene Berührungen wirken harsch: Männer schultern Frauen und schleppen sie wie Mehlsäcke weg. Hart stoßen Hände, fallen Körper gegen die Wand.

Dann plötzlich fesseln berückend poetische Bilder den Blick: Frauen tragen riesige Sträuße blühender Kirschzweige herein. Männer, in raschelnde Goldfolie gewickelt, halten vielteilige Glasvasen im Arm. Japan ist nah - das schöne Inselreich. Unvermittelt stürzt die Wand um. Wie ein Leuchtturm ragt die schmale Lichtsäule aus dem Eiland. Fröhliche Menschen in bunten T-Shirts nutzen es als Disko-Tanzfläche.

Aber die Katastrophe greift Platz: Von den Seiten schieben Männer mit Mundschutz in weißen Schutzanzügen gelbe Einkaufswagen und Schubkarren voll Wasserflaschen herein, bauen ein Kunstmeer um die Insel (während Charles Trenet „La Mer“ besingt). Ein Wasserstrom aus blauer Plastikfolie durchschneidet die Insel, getränkt mit Öl, das die Schutzkleidung der Arbeiter besudelt. Bald sind alle Menschen maskiert, tragen gelbe Gummihandschuhe und -stiefel.

Alice Cerrato hat sich einen Flaschengürtel als Notration umgeschnallt. Denn auch das kostbare Nass verändert sich. Mit brauner Soße überschütten übermütige Freunde einen Badenden in einem Kinderpool. Bevor das Lachen über die ulkigen Episoden im Halse stecken bleibt, verlischt das Licht. Applaus braust auf.

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