„Christsein ist unsere gemeinsame Sache“
Bischof Felix Genn will das örtliche Engagement auch in Groß-Pfarreien stärken und sieht die Kirche zwischen Reichtum und geistlicher Krise

Münster -

Die Kirche in Deutschland befindet sich im Umbruch. Auch im Bistum Münster stehen weitere Gemeindefusionen an, Laien und Klerus haben 2011 einen Dialogprozess begonnen, der nicht nur das durch Missbrauchsskandale geprägte Krisenjahr 2010 aufarbeiten, sondern vor allem die Kirche neu aufstellen soll. Über diese Themen sprach unser Redaktionsmitglied Johannes Loy mit dem Bischof von Münster, Dr. Felix Genn (61).

Sonntag, 22.01.2012, 17:01 Uhr

„Christsein ist unsere gemeinsame Sache“ : Bischof Felix Genn will das örtliche Engagement auch in Groß-Pfarreien stärken und sieht die Kirch...
Bischof Dr. Felix Genn sieht auf der einen Seite viele Ressourcen in der Katholischen Kirche in Deutschland, andererseits aber auch deutliche spirituelle Defizite. Foto: Jürgen Peperhowe

Herr Bischof, wenn Sie einem Amtskollegen aus Tansania die Situation der Katholischen Kirche in Deutschland erläutern müssten, was würden Sie ihm sagen?

Felix Genn : Ich würde erstens von den Ressourcen und Reichtümern sprechen, und da geht es nicht in erster Linie um Geld. Vielmehr: Wann hatte die Kirche in Deutschland jemals so viele Männer und Frauen, die sich in Katechese und Caritas engagieren? Das ist doch ein Potenzial, das ich nicht kleinreden kann. Dann würde ich fragen: Vielleicht habt ihr mit euren kleinen christlichen Gemeinschaften das, was uns noch fehlt? Dass Christen eben nicht nur etwas zusammen tun, sondern das Wort Gottes gemeinsam lesen und sensibilisiert werden, wie sie das Wort Gottes erfüllen können.

Unterscheidet sich das Bistum Münster von anderen Bistümern?

Genn: In der Tat. Der Reichtum hier ist die Vielfalt. Es gibt das Ruhrgebiet, ländliche Gebiete, Diaspora, dann ganz katholische Gemeinden im Westmünsterland. Denken Sie an die großen Wallfahrtsorte. Das Bistum hat eine gediegene Struktur. Hier wird ordentlich gewirtschaftet. Es ist ein Reichtum an Menschen da, die sowohl auf geistlichem wie praktischem Feld tätig sind.

Sie haben kürzlich betont, dass die „Sozialgestalt der Kirche“, wonach der Bürger der Kommune zugleich getaufter Christ ist, „nicht zu Ende geht, sondern zu Ende ist“. Ist das Zeitalter der Volkskirche also unwiderruflich vorbei?

Genn: Ein solcher Satz ginge zu weit. Es gibt durchaus noch volkskirchliche Elemente, auch in unserem Bistum. Im Westmünsterland lassen noch alle Leute ihre Kinder taufen.

Die künftige Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kur­schus, sprach kürzlich von einer „Kirche im Volk“ ...

Felix Genn: Das passt mir sehr gut. Ich möchte, dass die Kirche eine Kirche im Volk, mit dem Volk und für das Volk ist. Wir haben freilich heute eine ganz andere Struktur als noch im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Künftig soll es etwa 190 pastorale Räume im Bistum Münster geben, die Hälfte davon umfasst mehr als 10 000 Katholiken. Viele Menschen beklagen das Fehlen von Nähe und Beheimatung ...

Genn: Ich möchte mich dafür einsetzen, dass das Engagement der Christen vor Ort erhalten bleibt. Das erwarte ich auch von den pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich will nichts „plattmachen“. Der Bischof hat sich um eine Struktur zu bemühen, die kirchenrechtlich klar ist, und innerhalb dieser Struktur hat er sich um Stärkung und Bewahrung zu bemühen. Es gibt die Versuchung, vor Ort alles einzuebnen, und es gibt die Versuchung, alles so zu belassen, nur unter einem anderen Namen. Beides ist nicht richtig. Das ist nicht das, was ich will.

Die Zahl der Priester und die der Priesterberufungen geht in Europa dramatisch zurück. Wer soll 2020 oder 2030 die Gemeinden leiten? Was werden das für Großraumgebilde sein?

Genn: Ich möchte nicht von Großraumseelsorge sprechen. Die Leute sollen zu der Erkenntnis kommen: Christsein , das ist unsere gemeinsame Sache. Der hauptamtliche Dienst fächert sich schon heute auf in Priester, Diakone, Pastoralreferentinnen und -referenten. Darüber hinaus gibt es das allgemeine Priestertum der Gläubigen. Viele Aufgaben haben auch mit dem Priesteramt direkt überhaupt nichts zu tun. Es gibt noch viele Gläubige, die durch Priester versorgt sein wollen. Ich will aber die Leute nicht einfach versorgen, sondern ihnen viel geben, damit sie auch für sich selber sorgen können.

2012 soll ein neuer Diözesanpastoralplan verabschiedet werden. Können Sie schon Schwerpunkte skizzieren?

Genn: Es wird ein gemeinsames Werk vieler Frauen und Männer aus dem Bistum sein. Letztlich trägt zwar der Bischof die Verantwortung, zugleich aber ist der Diözesanrat ein wirklich syn­odales Gremium, in dem sich Vertreter aus allen Regionen, Berufen und Verbänden zusammenfinden und Themen vorschlagen. Natürlich werde ich als Bischof auch Akzente setzen. Mein Akzent ist, dass wir künftig viel für die Glaubensvertiefung der Menschen tun.

2011 wurde ein Dialogprozess zwischen Laien und Klerus aufgenommen. Angestoßen wurde er durch ein Reform-Memorandum der Theologen. Man hatte den Eindruck, der Bischof von Münster sei über diesen Vorstoß beleidigt ...

Genn: Beleidigt ist er nicht, aber nicht glücklich. Es ist auch eine Frage der Verantwortung derer, die in der Fakultät für die Ausbildung zukünftiger Theologen tätig sind. Diese kommen nämlich in eine Spannung zwischen dem, was die Theologen sagen, und dem, was der Bischof sagt. Es gibt Punkte, über die man sich gut verständigen kann, etwa über die Mitarbeit der Laien und die Rolle der Frau in der Kirche. Aber es gibt auch Punkte, die greifen in grundsätzliche Fragen der Kirchenstruktur, in das Amt und die priesterliche Lebensform ein. Mir sind manche Forderungen einfach zu plakativ. Ich hätte mir ein anderes Miteinander gewünscht.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken setzt sich für die Weihe von Diakoninnen ein. Seit der Würzburger Synode 1976 liegt das Thema auf dem Tisch. Könnte das Thema endlich auf höchster Ebene diskutiert werden?

Genn: Das weiß ich nicht. In jedem Fall ist es ein Thema des Lehramtes. Ich bin über den Vorstoß des ZdK nicht glücklich. Im Moment sehe ich keinen aktuellen Anlass, dass das jetzt besprochen werden müsste.

Nicht wenige registrieren die Parallelwelten, die sich in der Kirche auftun. Denn nach offizieller Lesart der katholischen Kirche leben doch eigentlich 80 bis 90 Prozent der Christen in schwerer Sünde. Sei es, weil sie sonntags nicht in die Kirche gehen, sei es wegen vorehelichen Geschlechtsverkehrs oder wegen Scheidung und Wiederheirat. Wie geht das zusammen, hier die offizielle Linie, dort das Leben?

Genn: Das ist eine Spannung, die viele Seelsorger vor Ort viel mehr erleben und erleiden als der Bischof. Obwohl ich das natürlich in meinem Umkreis auch kenne. Ich bin auch nicht abgehoben und lebe in sozialen Bezügen. Mein erstes Prinzip lautet: Ich bewerte den Menschen niemals nach seiner moralischen Qualifikation. Ich habe nicht das Recht zu sagen, da steht ein schwerer Sünder vor mir. Kirche hat die Aufgabe, das, was sie glaubt, noch besser zu kommunizieren. Ich muss mit Menschen über Glauben und Wertmaßstäbe der Kirche ins Gespräch kommen, aber eben nicht in einer Form der Verurteilung, das steht mir überhaupt nicht zu.

Apropos Kommunikation: 80 Firmlinge werden nach einer Besinnungsstunde von Pfarrer und Kaplan zur persönlichen Beichte eingeladen. Niemand geht hin. Redet die Kirche an den jungen Leuten vorbei?

Genn: Ich bin da auch ein Stück weit ratlos. Es gibt freilich auch die gegenteilige Erfahrung, etwa auf Weltjugendtagen, auch beim Papstbesuch, wo viele gebeichtet haben. Es ist die Frage, wie man es Jugendlichen nahebringt. Das Sakrament muss erst wieder neu entdeckt werden. Dass Menschen sich mit Schuld auseinandersetzen, das sehen wir ja an den nachmittäglichen Talkshows. Man könnte Jugendliche auch so ansprechen: „Ich erwarte, dass jeder ein offenes Gespräch führt.“ Am Ende wäre dann zu überlegen, ob das in eine Lossprechung wie in der Beichte mündet oder nicht. Das Sakrament darfst du niemandem aufdrücken. Viele sind vielleicht noch viel zu sehr auf die Frage fixiert: „Wie kann ein Kind da in den dunklen Beichtstuhl gehen?“

Warum war es dem Papst bei seinem Besuch in Erfurt nicht möglich, für konfessionsverschiedene Ehepaare einen gemeinsamen Zugang zur Eucharistie anzudeuten?

Genn: Ich habe dem Papst nichts vorzuschreiben. Ich nehme zur Kenntnis, dass er sich im Grundsatz geäußert hat. Und mit diesen Grundsätzen arbeiten wir weiter. Die Protestanten haben gar nicht so viel erwartet. Ich habe mit Präses Nikolaus Schneider gesprochen. Da fiel kein böses Wort. Man muss bei alledem bedenken, dass der Papst dort gesprochen hat, wo Luther im Kloster war.

Es wurde gerätselt, was der Papst eigentlich in Freiburg mit „Verweltlichung“ der Kirche meinte. Soll die Kirchensteuer künftig wegfallen?

Genn: Ich bin froh, dass der Papst das thematisiert und problematisiert. Das frage ich mich auch persönlich: Wie kann mein bischöflicher Dienst noch geistlicher werden, damit er nicht einfach auf einem gängigen Niveau verharrt. Das Kirchensteuersystem konkret hat der Papst nicht gemeint. Es stellt sich vielmehr für jeden die Frage: Wo sind wir weltlich und wo sind wir nicht weltlich? Da müssen wir uns auch fragen lassen: Benehmen wir uns wie ein Großkonzern? Diese Rede war prophetisch und wird uns weiterhin zu denken geben.

Viele Menschen heiraten nach einer gescheiterten Ehe erneut. Sie sind nicht zu den Sakramenten zugelassen. Muss die Kirche nicht neue Wege der Barmherzigkeit finden – wie etwa in der Orthodoxie?

Genn: Ob das eine Möglichkeit ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir Bischöfe an dieser Frage dran sind und dranbleiben wollen, zumal wir alle Aspekte zu berücksichtigen haben. Auf der einen Seite haben wir als Bischöfe den Auftrag, das zu verkünden, was Jesus gesagt hat, nämlich: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen.“ Auf der anderen Seite sehen wir die ganz unterschiedlichen Lebenssituationen von Menschen, und es gibt keinen der Bischöfe, den das nicht berührt.

Viele Menschen möchten nach einer Phase der Entfremdung wieder entschiedener Christ sein. Was raten Sie ihnen?

Genn: Solchen Menschen würde ich schlicht und einfach sagen: Sprich mal mit einem, von dem du den Eindruck hast, dass er ein Christ ist, und befrag ihn!

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