Der Unangepasste
Erst der Münster-Tatort machte Theater-Urgestein Claus Dieter Clausnitzer prominent

Münster/Dortmund - Claus Dieter Clausnitzer steht seit 50 Jahren auf der Bühne, hat allein in Dortmund in den 34 Jahren, in denen er am Schauspielhaus zum Stammensemble gehörte, Hauptrollen gespielt, die er zu zählen längst aufgehört hat. Doch erst seitdem er im Münster-Tatort den Vater des Kommissars darstellt, ist er eine nicht nur lokale Berühmtheit geworden.

Montag, 13.02.2012, 06:04 Uhr aktualisiert: 13.02.2012, 06:32 Uhr
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  • Im Münster-Tatort spielt Claus D. Clausnitzer (l.) Herbert Thiel, den Vater des Ermittlers Frank Thiel (Axel Prahl, r.).

    Foto: WDR
  • Filmszene aus „Der Fluch der Mumie“: Was für ein Schreck für Herbert Thiel (Claus C. Clausnitzer). Auf dem Dachboden einer Villa entdeckt er beim Entrümpeln eine Mumie.

    Foto: ARD
  • Gruppenfoto vor einer Münster-Tatort-Premiere vor dem münsterischen Schloss (v.l.): Axel Prahl, Christine Urspruch und Claus Dieter Clausnitzer.

    Foto: Oliver Werner
  • Die "Tatort"-Darsteller (v.l.) Klaus J. Behrendt, Jan Josef Liefers, Axel Prahl und Claus D. Clausnitzer posieren am 8. Dezember in Bochum nach der Verleihung der 1Live Krone 2011 in der Jahrhunderthalle mit der Auszeichnung in der Kategorie "Sonderpreis".

    Foto: Henning Kaiser
  • Foto: In der „BVB-Revue“, einer Hommage an den Fußballclub Borussia Dortmund, spielte Claus Dieter Clausnitzer (l.) den Kaplan Dewald.
  • Ein Prosit auf den Münster-Tatort mit den Darstellern (v.l.): Wilhelmine Klemm, Christine Urspruch, Axel Prahl und Claus D. Clausnitzer.

  • Am Set:Für die Tatort-Rolle bekommt der Dortmunder Claus Dieter Clausnitzer (r.) ein Haarteil.

    Foto: WDR

Der Tag hat es in sich. Zunächst einmal hat er früh begonnen – oder geendet, ganz wie man es nehmen will. Claus Dieter Clausnitzer saß mit Freunden zusammen, Fußball gucken, ein Dortmund-Spiel selbstverständlich, das längst vorbei war, als die Clique noch den Sieg feierte. Gegen 3 Uhr morgens schlaftrunken ins Bett und Stunden später, außerplanmäßig natürlich, von einer Durchsage geweckt, die ein Mann im langsam durch das Dortmunder Wohngebiet fahrenden Auto seinem Lautsprecher diktiert: Achtung, Achtung. Wasserrohrbruch im Viertel, Reparaturen bis voraussichtlich 17 Uhr, bis dahin kein Wasser aus dem Hahn. Na prima. All das hätte auch dem Taxifahrer Thiel im Münster-Tatort passieren können.

Im Prinzip, indirekt jedenfalls, ist das ja auch so. Auf dem beigen Sofa der geräumigen Wohnung im Dortmunder Süden sitzt der Thiel-Darsteller Clausnitzer und rührt vorsichtig in der Tasse mit dem dampfend heißen Kaffee vor sich. Er wird ihm helfen, auf die Beine zu kommen. Taxifahrer Thiel würde vermutlich eine selbst gedrehte Zigarette mit undefinierbarem Kraut bevorzugen. Ein Schauspieler und seine Serienrolle müssen ja nicht unbedingt völlig deckungsgleich sein. Dabei gibt es durchaus Parallelen zwischen Clausnitzer, dem Mann, der den Beginn der 68-Studentenproteste in München miterlebt hat, und dem Taxifahrer, der wahrscheinlich auch irgendwann einmal studiert hat.

Um sein Leben zu finanzieren, hat er Geld als Fahrer hinzuverdient und ist schließlich dabei geblieben, Fahrgäste in Münster von A nach B zu bringen. Das schulterlange graue Haar bändigt er mit einem Zopfband am Hinterkopf. Clausnitzer braucht das nicht. Wenn er einen Münster-Tatort dreht, befestigt die Maske ein Haarteil an seinem Hinterkopf. Die Drehbuchautoren wünschen sich den Taxifahrer Thiel schließlich als unangepassten Lebenskünstler, als einen, der immer durchkommt, mit wenig Geld und ureigenen Ansichten.

Clausnitzer steht seit 50 Jahren auf der Bühne, hat allein in Dortmund in den 34 Jahren, in denen er am Schauspielhaus zum Stammensemble gehörte, Hauptrollen gespielt, die er zu zählen längst aufgehört hat. Doch erst seitdem er im Münster-Tatort den Vater des Kommissars darstellt, ist er eine nicht nur lokale Berühmtheit geworden. „Unglaublich“, kommentiert seine Frau. „Mein Mann hat alles gespielt vom König bis zum Bettelmann, vom jungen Liebhaber bis zum Helden.“ Wirklich erstaunt ist sie trotzdem nicht. Das Theaterpublikum ist eine treue, aber kleine Gemeinde, der Tatort hingegen eine sonntägliche Selbstverständlichkeit für Millionen Deutsche.

Claus Dieter Clausnitzer

Claus Dieter Clausnitzer ist am 5. Januar 1939 in Saarbrücken geboren und hat in München studiert. 46 Jahre lang gehörte er verschiedenen Ensembles an, die längste Zeit hat er für das Schauspielhaus in Dortmund gearbeitet.In Bremen wurde Clausnitzer gemeinsam mit Evelyn Hamann von Loriot entdeckt und gehörte in der Anfangszeit zu den festen Sketchpartnern des Humoristen. Für den Münster-Tatort spielt er seit 2002 den Vater des Kommissars, meistens kurz „Vatta“ genannt. Seit eineinhalb Jahren arbeitet Clausnitzer als freier Schauspieler auf verschiedenen Bühnen, für das Fernsehen und als Sprecher für das WDR-Zeitzeichen.

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Seit 2002 vergeht keine Woche, in der der 73-Jährige nicht auf seine Rolle angesprochen wird. Dass viele von den Leuten, die ihn um ein Autogramm oder gemeinsames Foto bitten, jung sind, freut den Schauspieler. „Das sind 25- bis 30-Jährige, die den Taxifahrer einfach cool finden. Wahrscheinlich würden sie sich so einen Mann, der fit ist und gern mal einen Joint raucht, als Großvater wünschen.“ Nicht alle Kommentare sind sonderlich originell. „Wo haben Sie denn Ihr Taxi abgestellt?“, flachsen einige. Und andere sagen, dass sie den knorrigen Mann, der immerzu über neue Leichen stolpert, die seinem Sohn Arbeit verschaffen, gern häufiger sehen würden und nicht nur immer ein paar Minuten lang pro Folge.

Doch diese Minuten reichen, um wahrgenommen zu werden als eine Figur, die dazu beigetragen hat, den Münster-Tatort zum beliebtesten in Deutschland zu machen. Das Team sieht das genauso. „Wir sprechen immer von unseren drei Jungs und drei Mädels“, sagt Clausnitzer. Von den beiden Hauptfiguren, dem Kommissar und dem Mediziner, von den Assistentinnen der beiden, von der Staatsanwältin und vom Taxifahrer eben. Clausnitzer tut es gut, dass Axel Prahl, der Kommissar-Darsteller, die Bannwirkung des Teams ganz ähnlich sieht. „Er hat letztens noch gesagt, dass der Münster-Tatort nicht mehr der Münster-Tatort wäre, wenn einer von uns fehlen würde.“ Das tut gut in einer Branche, in der es schwer wird, als über 70-Jähriger andere Rollen als die eines lieben Großvaters zu bekommen.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Clausnitzer frei und gewöhnt sich nur langsam daran. „Die Bühne ist mein Wohnzimmer“, sagt er. Und das Team, mit dem er wochenlang probte, war für ihn immer die Verbindung zu allen Generationen. „Da tauscht man sich mit 20-, 30- und 40-Jährigen aus und findet als Team eine Lösung.“ In Essen spielt er wieder in einem Ensemble. Das Stück ist eine Erstaufführung und bitterböse Satire auf den Wahn, dass nur glücklich sein kann, wer jung ist. „Richtig alt, so 45“ heißt es – ein Leidenschaftsthema für Clausnitzer. Den Tatort mag er und darin ganz besonders die Kunst, einen Krimi als Komödie zu inszenieren.

Schon die erste Folge hatte es auch hinter den Kulissen in sich. Polizisten bewachten die Hanfpflanzen, die Clausnitzer in seinem Garten anpflanzen sollte, und stellten sie sofort wieder sicher, als sämtliche Gartenszenen gedreht waren. „Ein Schauspieler muss Komödie können und wollen“, findet der 73-Jährige. „Außerdem macht es unglaublich viel Spaß, mal die Sau rauszulassen.“ Taxifahrer Thiel würde dieser Satz gefallen.

TV-Tipp

Der nächste Münster-Tatort ist am 11. März zu sehen.

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