Fronten zwischen alten Freunden
Yasmina Rezas „Kunst“ in Münsters Borchert-Theater: Furios

Münster -

Serge, der erfolgreiche Hautarzt, hat ein Bild gekauft. „Für 200 Riesen eine weiße Scheiße“, wettert sein alter Freund Marc. Während Yvan, der Dritte im Bunde, freundlich versucht, in dem weißen Bild verborgene Farben zu entdecken, um sich nicht mit Serge zu verkrachen – womit er genau zwischen die Freundesfronten gerät.

Sonntag, 26.02.2012, 13:02 Uhr

Fronten zwischen alten Freunden : Yasmina Rezas „Kunst“ in Münsters Borchert-Theater: Furios
Drei Streithähne: (v. l.) Marc (Meinhard Zanger), Yvan (Henning Kober) und Serge (Bernd Reheuser). Foto: Ingo Kannenbäumer

Yasmina Rezas Erfolgs-Farce „Kunst“ ist über weite Strecken das Duell zweier Alphatiere: dem handfesten, etwas brachial argumentierenden Marc und dem feingeistigen, leicht herablassenden Serge. Wer vor der Premiere des Wolfgang-Borchert-Theaters die Besetzung kannte, der ahnte schon, dass diese Neu-Inszenierung funktionieren muss. Denn Borchert-Intendant Meinhard Zanger spielt den Marc, und sein Weggefährte Bernd Reheuser, der etwa als „Freigeist“ in Münster brillierte, ist Serge. Wenn Zanger zu Beginn vor den Zuschauern steht, unrasiert und in brauner Lederjacke, und mit markanter Kunstpause die Bemerkung „Ein weißes Bild . . . mit weißen Streifen!“ knarzt, dann ist die Figur schon prägnant gezeichnet. Und wenn Reheuser im Anzug über die weiße Fläche tänzelt, sich die weißen Handschuhe überstreift und aus dem Bühnenboden das Bild heraushebt, müsste er fast nichts mehr sagen, um den Kontrast zu erklären. Geht natürlich nicht. Denn Rezas Stück, das auch um echten Sinn und eitlen Wahn bei zeitgenössischer Kunst kreist – so ist vom Galeristen die Rede, der die Preise in die Höhe treiben will – zeigt vor allem, wie Beziehungsstrukturen auf die Probe gestellt werden. Und im Gegensatz zu den bürgerlichen Ehepaaren, deren Scheinwelten in den späteren Stücken zertrümmert werden, entlarvt die Autorin hier alte Freundschaften mit all den Tricks, kleinen Lügen und großen Eitelkeiten, die sich in ihnen verbergen. Das ist sprachlich ebenso brillant wie dramaturgisch geschickt, weil eben die Nummer Drei im Freundeskreis, der vermittelnde Yvan, immer wieder als armes Würstchen dasteht, auf dessen Kosten sich die eigentlichen Streithähne verbünden. Wenn Yvan schließlich von seinen Hochzeitsplänen und den aufreibenden Konflikten zwischen Müttern und Stiefmüttern erzählt, lässt Darsteller Henning Kober bei seiner Borchert-Premiere für einen Moment lang Zanger und Reheuser verblassen: Szenenapplaus. Man könnte vermuten, dass Regisseurin Tanja Weidner gar nicht viel tun musste, um ihre drei auf Hochtouren laufenden Schauspiel-Lokomotiven anzufeuern. Wenn man aber sieht, wie sie das Trio behutsam bremst und sprechende Figuren-Konstellationen auf die offene Bühne von Stefan Bleidorn zeichnen lässt, erkennt man, dass der Witz und die Rührung, die dieser Abend auch vermittelt, zu einem guten Teil auf ihr Konto gehen. Wer den „Gott des Gemetzels“, den das Borchert-Theater ebenfalls spielt, im Kino gesehen hat und mehr von der gleichen Art möchte, der sollte diese bejubelte „Kunst“ auf keinen Fall verpassen.  | www.wolfgang- borchert-theater.de

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