„Grüner Hügel“ im Lipperland
Studenten ergründen in einer Hochschul-Publikation den Wagner-Kult zur NS-Zeit

Detmold -

Als Hitler an der Macht war, hatte Wagner Hochkonjunktur. Dem zweifelhaften Wagner-Kult der Nationalsozialisten verdankte die Stadt Detmold den Aufstieg zum „Grünen Hügel von Lippe“. Mit Aufführungen in der Bayreuther Originalbesetzung zogen die Richard-Wagner-Festwochen in der Hauptstadt des damaligen Kleinstaates Lippe deutschlandweite Aufmerksamkeit auf sich. Studenten haben das dunkle Kapitel Kulturgeschichte jetzt wissenschaftlich aufgearbeitet.

Dienstag, 21.02.2012, 18:02 Uhr

„Grüner Hügel“ im Lipperland : Studenten ergründen in einer Hochschul-Publikation den Wagner-Kult zur NS-Zeit
Ein Mann liest in Detmold vor der Kulisse des Landestheaters in der Publikation „Lippes Grüner Hügel“. Die Richard-Wagner-Festspiele sind zwar fest mit Bayreuth verbunden, doch auch Detmold hatte einst seinen „Grünen Hügel“. Die Nationalsozialisten förderten Wagner-Opern in der Provinz. Foto: dpa

Als 1934 die Idee zu Wagner-Festspielen in Detmold auftauchte, erhielten die Initiatoren erwartungsgemäß spontane Unterstützung vonseiten des Hitler-Regimes. Zumal das Land Lippe der NSDAP 1933 einen überragenden Wahlsieg beschert hatte, der zum Einzug Adolf Hitlers in die Reichskanzlei beitrug. 1935 gingen die als „reichswichtig“ eingestuften Richard-Wagner-Festwochen an den Start. Schirmherrin war Wagner-Erbin und Hitler-Freundin Wini­fred Wagner . Das kleine Provinz-Theater wurde zur großen Bühne: Von anfänglich vor allem konzertanten Darbietungen steigerte sich das Programm über szenische Aufführungen mit namhaften Künstlern bis hin zur „Walküre“ in der Bayreuther Originalbesetzung im Jahr 1939, zu der Winifred Wagner persönlich anreiste. Mit Kriegsbeginn sank der Detmolder Festspiel-Stern, 1944 endete die zehnjährige Tradition. Studenten aus Detmold und Paderborn zeichnen in ihrem Buch „Lippes Grüner Hügel – Die Richard-Wagner-Festwochen in Detmold 1935-1944“ in sechs Beiträgen Geschichte und Hintergründe nach. „Es ist die erste wissenschaftliche Untersuchung, die sich ausschließlich mit dem Thema beschäftigt“, würdigt Rebecca Grotjahn, Musikwissenschaftlerin an der Universität Paderborn und der Hochschule für Musik Detmold, das Buch. Das groß aufgezogene Wagner-Programm in der kleinen Provinz-Hauptstadt sei beispielhaft für die perfide Instrumentalisierung von Kunst und Kultur durch den Nazi-Staat, betont Grotjahn. „Die Hochkultur – und allen voran die Musik – war eines der wichtigen Aushängeschilder des nationalsozialistischen Deutschland. Damit zeigte es sich als die große Kulturnation“, erklärt die Professorin. „Kunst und Künstler repräsentierten deutsche Hochkultur – und standen damit im Dienst des NS-Staates.“ Im Festspielhaus Bayreuth weiß man um die Verbindung zwischen Bayreuth und Detmold, das zeitweise den Beinamen „Vorort von Bayreuth“ erhielt, bestätigt Sprecher Peter Emmerich. Eigene Ressourcen zur historischen Aufarbeitung fehlten jedoch. „Umso wichtiger ist es, wenn jetzt diese wirklich düstere Zeit vor Ort erforscht wird. Wagners Werk ist damals ja fast schon staatliche Doktrin gewesen.“ Gerade eine Auseinandersetzung mit den kulturpolitischen Aspekten sei nach wie vor notwendig. „Uns interessiert vor allem die künstlerische Seite: Was ist wann gespielt worden? Solche Fakten muss man sammeln und festhalten“, ergänzt Rüdiger Pohl, Vorsitzender der Deutschen Richard-Wagner-Gesellschaft, die die Publikation finanziell unterstützt. Er plädiert dafür, auseinanderzuhalten, „was politisch gewesen ist und was künstlerisch zu bewerten ist“.

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