Kultur
Tolstois Ururenkelin arbeitet als Bildhauerin im Allgäu

Waltenhofen (dpa) - Kristina Johlige Tolstoy hat eine große Familie, die über den gesamten Erdball verteilt ist. Vor zwei Jahren hat die Allgäuerin einige ihrer Verwandten zum ersten Mal gesehen. Das war bei einem großen Familien-Treffen in Russland. Anlass war der 100. Todestag ihres Ururgroßvaters Leo Tolstoi.

Montag, 27.02.2012, 08:02 Uhr

Kultur : Tolstois Ururenkelin arbeitet als Bildhauerin im Allgäu
Kristina Johlige Tolstoy trägt einen berühmten Namen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand Foto: dpa

«Das Treffen fand auf seinem Landgut statt. Wir waren eine Woche dort und haben verschiedene Stationen besucht, die mit seinem Leben zusammenhängen. Es war ein tolles Erlebnis», erinnert sich die 44-Jährige. Weltweit gebe es 370 direkte Nachkommen des berühmten russischen Dichters. Sie selbst gehöre der vierten Generation an.

In einem kleinen Weiler nahe Waltenhofen im Oberallgäu ist Johlige Tolstoy zu Hause. Hier lebt und arbeitet die in Kempten geborene Holzbildhauerin - umgeben von ländlicher Natur. Von ihr lässt sie sich inspirieren. «Ich arbeite sehr gerne im Garten. Aber natürlich nur, wenn es warm genug dafür ist.» Jetzt im Winter trifft man sie in ihrem gemütlichen Wohnatelier an, in dem ein Holzofen für Wärme sorgt. Ihre Arbeiten hängen an den Wänden, liegen auf der Werkbank und zieren den Eingangsbereich. Es sind vorwiegend aus Holz geschnitzte oder aus Gips gegossene Skulpturen, in die die Künstlerin verschiedene Materialien aus der Natur wie etwa Fichtenzapfen, Blätter, Blumen, Gräser oder Weidenkätzchen einarbeitet.

Dass sie einmal einen künstlerischen Weg einschlagen würde, war Johlige Tolstoy schon früh bewusst. «Ich habe das Gefühl, ich war schon immer Künstlerin. Schon als Dreijährige habe ich Steine mit Hammer und Meißel bearbeitet.» Geprägt wurde ihre Kreativität sowohl durch ihre schwedische Mutter, der Urenkelin Tolstois, als auch durch ihren aus Berlin stammenden Vater Gerhard Johlige, der im Allgäu als Bildhauer arbeitet. Von ihm bekam die Tochter nach der Schulzeit erste Unterweisungen, ehe sie die Berufsfachschule für Holzbildhauer in Garmisch-Partenkirchen besuchte.

«Es gibt in der großen Tolstoi-Familie viele Künstler. Aber durch den berühmten Namen haben sich einige nie getraut, damit an die Öffentlichkeit zu gehen», sagt die Allgäuerin. Auch sie habe es zeitweise als Druck erlebt, Ururenkelin eines Dichters mit Weltruhm zu sein. «Als Kind habe ich in der Schule Sätze gehört wie "Bei dem Vorfahren sollte man aber besser in Deutsch sein".» Auch als Bildhauerin habe sie lange Zeit den Familiennamen Tolstoi, der je nach Herkunftsland in verschiedenen Schreibweisen existiert, als Bürde empfunden. «Ich hatte Angst davor, meine Arbeiten zu zeigen.»

Inzwischen habe sich das Blatt gewendet. «Ich empfinde den Namen heute nicht mehr als Bürde, sondern als Inspiration.» Dazu habe nicht zuletzt das Familien-Treffen in Russland beigetragen. Bevor Johlige Tolstoy daran teilnahm, habe sie Ahnenforschung betrieben und sich intensiv mit dem Menschen Leo Tolstoi beschäftigt. «Ich wollte die Strukturen verstehen und wissen, welche Bedeutung er für mich hat.» Das zündende Aha-Erlebnis hatte sie, als sie auf dem Landgut verschiedene Collagen von Tolstois Ehefrau Sophia entdeckte. Ihre Ururgroßmutter hat in ihren Arbeiten getrocknete Blumen und Blätter verarbeitet - genauso wie sie selbst es seit Jahren macht. «Als ich das sah, bekam ich eine Gänsehaut. Und in diesem Moment wusste ich, wo die Verbindung zur Familie liegt.»

Seit mehr als 20 Jahren ist Johlige Tolstoy als freischaffende Künstlerin tätig. Die Arbeit mit Holz und Naturprodukten ist ihre große Leidenschaft. Doch sie malt auch und hält Lesungen. Eine besondere Ausstrahlung haben ihre figürlichen Arbeiten, bei denen sie die Jahrhunderte alte Technik der Fassmalerei anwendet und die mit ihren sanften Gesichtszügen an Fabelwesen erinnern.

Diese Figuren haben auch die Besucher ihrer jüngsten Ausstellung im Allgäu fasziniert, wie Mirva Dachser von der Marktoberdorfer Galerie Arktika sagt. «Diese Gesichter strahlen eine wahnsinnige Ruhe und Kraft aus. Die Leute waren begeistert.» Sowohl als Künstlerin als auch als Person habe Johlige Tolstoy bei den Ausstellungsbesuchern großes Interesse geweckt. «Es kamen natürlich viele Fragen über ihre Verbindung zu Leo Tolstoi. Die rücken jedoch in den Hintergrund, wenn man ihre Kunst sieht», sagt Dachser.

Im August findet das nächste Familien-Treffen auf Tolstois Landgut Jasnaya Polyana statt. Anlass ist diesmal der 150. Hochzeitstag von Leo und Sophia Tolstoi. Deren Ururenkelin aus dem Allgäu wird wieder dabei sein. «Ich freue mich schon drauf. Diese Treffen halten die Geschichte unserer Familie lebendig.»

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