Wiederentdeckung
Schlesische Spuren in Berlin

Jeder zweite Berliner ist ein Schlesier – so lautete früher ein vielzitierter Spruch. Ganz so ist es zwar nicht, aber Schlesien war seit der Eroberung durch Friedrich den Großen Mitte des 18. Jahrhunderts das große Hinterland Berlins und kulturell wie wirtschaftlich ein bedeutender Landesteil, der Preußens Macht vergrößerte.

Donnerstag, 05.07.2012, 18:07 Uhr

Wiederentdeckung : Schlesische Spuren in Berlin
Foto: Verlag

Roswitha Schieb zeigt, wie viele Spuren in Berlin noch heute auf schlesische Ursprünge verweisen. Das beginnt bei den charakteristischen Granitplatten auf den Berliner Fußwegen, die aus schlesischen Steinbrüchen stammen, und endet noch lange nicht am Brandenburger Tor, das der schlesische Baumeister Carl Gotthard Langhans baute. Zur Zeit der Industrialisierung wurde Schlesien Berliner Einzugsgebiet für viele Arbeitskräfte, die um das Schlesische Tor herum lebten. Die Kohle kam selbstverständlich aus oberschlesischen Kohlegruben. Auch die kulturelle Elite Berlins wurde schlesisch mitgeprägt. Ein Kapitel des Buches befasst sich folglich mit „Schlesiern in Berlin“, und die Reihe großer Namen, die an der Spree lebten und wirkten, beginnt bei Joseph Freiherr von Eichendorff, Gustav Freytag oder Gerhart Hauptmann und endet noch lange nicht bei Friedrich Schleiermacher, Alfred Kerr oder Dietrich Bonhoeffer. Auf drei griffig getexteten und auch schön bebilderten Streifzügen durch die architektonische, künstlerische und literarische Stadtlandschaft erläutert die Autorin charakteristisch-schlesische Phänomene der Industrie-, Theater-, Kunst- und Gesellschaftsgeschichte. Seit Öffnung der Grenzen im Zuge der europäischen Einigung und nicht zuletzt seit der Europameisterschaft haben viele Menschen in Westeuropa erkannt, dass Europa eben nicht an Oder und Neiße endet. So ist auch Schlesien, das Goethe als „zehnfach interessantes Land“ bezeichnete, dabei, neu entdeckt zu werden – von Polen und Deutschen, die längst gute Nachbarn im vereinten Europa sind. Roswitha Schieb: Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren an der Spree. Deutsches Kulturforum östliches Europa. 384 Seiten, zahlreiche Fotos, Karten, 19.80 Euro. Johannes Loy

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