Kultur
20 Jahre Literaturzeitschrift «Das Gedicht»

München (dpa) - Wenn er an die letzten 20 Jahre zurückdenkt, dann fällt ihm vor allem eins ein: der Skandal, der ihn und seine Zeitschrift deutschlandweit berühmt machte - zumindest für eine kurze Zeit.

Sonntag, 21.10.2012, 13:10 Uhr

Im Jahr 2000 sorgte der Dichter Anton G. Leitner mit seiner Literaturzeitschrift «Das Gedicht» für einen im wahrsten Sinne des Wortes handfesten Skandal.

Unter der Überschrift «Geile Gedichte - Vom Minnesang zum Cybersex» und mit unsittlich geballter Faust auf dem Titelbild hatte er erotische Gedichte renommierter Autoren wie Ulla Hahn und Friederike Mayröcker auf den Markt gebracht. «Die kamen päckchenweise zurück», erinnert er sich heute - teils waren erboste Nachrichten dabei. Eine Mainzer Buchhandlung verweigerte damals zum Beispiel die Annahme, weil der «Dom nicht weit» war.

Doch was ein wirtschaftlicher Totalschaden zu werden drohte, entpuppte sich als außerordentlicher Glücksfall. Weil die Medien auf ihn aufmerksam wurden, die «Bild»-Zeitung auf einer Doppelseite über seine «geilen Gedichte» berichtete und in der damals höchst populären RTL-Show «Sieben Tage, sieben Köpfe» ein Witz über die Abkürzung seines mittleren Namens - G. - fiel, schoss die Auflage für «Das Gedicht» in die Höhe - und auf 10 000 Stück. «Wir kamen gar nicht hinterher mit dem Nachdrucken», erinnert sich Leitner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Das ist zwar inzwischen Geschichte, doch Leitner hat dennoch ein kleines Kunststück geschafft. In diesem Jahr feiern seine Literaturzeitschrift «Das Gedicht» und Leitners Verlag ihr 20-jähriges Bestehen. Am Dienstag kommen darum Lyriker und Autoren aus ganz Deutschland nach München, um das Jubiläum mit einem Poetentreffen zu feiern.

Nach Angaben des Börsenverein des Deutschen Buchhandels macht die Lyrik nur einen verschwindet geringen Anteil an den Umsätzen des Buchhandels aus. Rund ein Drittel des geschätzten Gesamtumsatzes der Branche von rund 9,6 Milliarden Euro im Jahr 2011 machte Belletristik aus. Der Lyrik-Anteil an der Belletristik betrug nur 1,2 Prozent - Tendenz in den vergangenen Jahren fallend. «Viele nehmen sich ja heute kaum noch Zeit für die reine Lektüre», sagt der Vorsitzende der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Ralph Grüneberger. Eine Veranstaltung, die bei ihnen gut laufe, sei beispielsweise das «Lyrik-Menü». «Die Leute wollen immer Events.»

Angesichts dieser Entwicklung ist die Geschichte von Leitners «Gedicht» schon bemerkenswert. Bereits vor 20 Jahren hatten Branchenkenner dem Juristen Leitner keine wirtschaftliche und literarische Chance eingeräumt, als er seine Zeitschrift für Gedichte mit jährlichem Erscheinen gründete. Das Kopfschütteln in der Szene war groß - doch Leitner belehrte die Skeptiker eines Besseren.

Seine «Hitliste» der Jahrhundertdichter machte auch international Schlagzeilen und auch der Band, der den «geilen Gedichten» - wie Leitner sagt - «quasi als Buße» folgte: «Göttlicher Schein - Heilige Gedichte» präsentierte religiöse Texte, darunter ein bis dahin unveröffentlichtes Gedicht von Papst Johannes Paul II.

«Die Zeitschrift hat sich während der beiden letzten Jahrzehnte zur führenden Lyrikzeitschrift im deutschsprachigen Raum entwickelt», urteilt Autor Mattias Politycki, der gemeinsam mit Leitner die Jubiläumsausgabe herausbringt.

Heute ist Leitners Auflage wieder bei wenigen tausend angekommen - viele der Abonnenten sind auch gleichzeitig Autoren. Das ist mehr als ganz zu Beginn - aber deutlich weniger als zu Spitzenzeiten. Darum will er jetzt vor allem junge Leute für sich und seine Zeitschrift gewinnen. Er hat einen Blog ins Netz und einen YouTube-Kanal auf die Beine gestellt. Viele Leser verliere er nämlich inzwischen durch den Tod, sagt er - oder das Altersheim.

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