Münsters Picassomuseum präsentiert die umfangreiche Schau „Marc Chagall und die Bibel“
Komponierte Träume

Münster -

Ein Kirchenfenster im Museum? Das klingt eher unwahrscheinlich, vor allem, wenn es sich um die Fensterrose einer gotischen Kathedrale handelt. Und doch ist es dem Kunstmuseum Pablo Picasso gelungen, seine Ausstellung über „Marc Chagall und die Bibel“ mit einer Fensterrose der Kathedrale von Metz zu krönen, die Chagall gestaltet hat.

Freitag, 05.10.2012, 17:10 Uhr

Münsters Picassomuseum präsentiert die umfangreiche Schau „Marc Chagall und die Bibel“ : Komponierte Träume
Fenster der Kathedrale von Metz (Entwurf) Foto: Museum

Klar, es handelt sich um ein Modell – aber immerhin um eines in Originalgröße, nicht um einen kleinen Entwurf. Professor Markus Müller erzählt nicht ohne Stolz, wie schwierig es war, das Prachtstück von mehr als zwei Metern Durchmesser in das denkmalgeschützte Museumsgebäude zu bringen. Aber nun ist es drin, wird von hinten beleuchtet und erlaubt einen Blick auf die Details, den man vor dem Original in schwindelerregender Höhe nie bekommen kann. Chagall und die Bibel : Das klingt nicht so furchtbar überraschend. Ist aber besonders aktuell, wie der Museumsdirektor betont: Der 1887 im russischen Witebsk geborene jüdische Künstler sei mit seinem Werk ein Brückenbauer zwischen den Weltreligionen und habe sich nie in irgendeine Ortho- doxie drängen lassen. Darin sieht Müller auch eine Parallele zu Pablo Picasso , der sich einer politischen oder künstlerischen Orthodoxie wie dem Sozialistischen Realismus versagte.

Freunde allerdings wurden die beiden Künstlerkollegen nicht, und so mag es durchaus passend sein, dass im Picassomuseum derzeit kein Picasso zu sehen ist: Alles voll mit Chagall. Chagalls berühmte Bibelillustrationen sind der Anknüpfungspunkt für die aktuelle Ausstellung, weil das Picassomuseum etwa 140 Chagall-Grafiken hütet, darunter viele Zustands- und Probedrucke für diese Arbeit, die er in den 1930er Jahren begann und erst 1956 beendete. „Auch seine Skizzen sind durchkomponierte Bilder“, betont Chagall-Enkelin Meret Meyer, die den Nachlass ihres Großvaters verwaltet, „Chagall war kein Träumer, der einfach etwas hingeworfen hat.“ Besonders gut zu sehen ist das in der oberen Etage der großen Ausstellung: Die Skizze zum großen Gemälde „Die weiße Kreuzigung“, das in Chicago hängt, wäre ohne die Quadrierung des Papiers sicherlich als autonomes Werk anzusehen. Das Bild aus den späten 30er Jahren zeigt, vielleicht noch stärker als sein dunkles Pendant aus dem Jahr 1964, wie der Maler das neutestamentliche Motiv mit Elementen aus seinem jüdischen Schtetl anreichert, wie auch Motive der Verfolgung Eingang in die Bildwelt finden.

Man kann als Betrachter diesen inhaltlichen Aspekt in der Ausstellung verfolgen, kann tatsächlich erkennen, wie Chagall die Grenzen der Religionen überschreitet. Man kann ihn aber auch einfach als großen Maler des 20. Jahrhunderts genießen, indem man sich etwa im gewaltigen Gemälde des „König David“ verliert oder staunend vor „Jeremias und der rote Hahn“ steht. Höhe- und Schlusspunkt der Ausstellung mit zahlreichen Leihgaben aus Frankreich ist der Raum, der den Bildern zum „Hohenlied“ gewidmet ist. Die pure Sinnlichkeit der Rottöne auf diesen Ölgemälden ist ein perfektes Gegenstück zum kühlen Blau anderer Chagall-Bilder oder seiner Kirchenfenster für die Kathedrale von Metz.

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