Kultur
Büchner-Preisträger F.C. Delius wird 70

Berlin/Rom (dpa) - Friedrich Christian Delius gilt als Vorzeigeautor der 68er-Generation. Kaum ein anderer Schriftsteller hat sich so intensiv, aber auch kritisch mit den Befindlichkeiten jener Umbruchzeit auseinandergesetzt.

Dienstag, 12.02.2013, 08:02 Uhr

Bis heute begleitet der Büchner-Preisträger die deutsche Zeitgeschichte mit wachem Blick und einem umfangreichen Oeuvre von Essays, Erzählungen und Romanen. Am Mittwoch (13. Februar) wird Delius , der in Rom und Berlin lebt, 70 Jahre alt.

«Ich bin sehr froh, dass ich dieses Alter erreiche. Das nehme ich nicht als selbstverständlich», sagte er in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Ich hatte mehrere heftige Krankheiten. Insofern sehe ich das sehr gelassen und denke: Jetzt kann das Abenteuer des Alters beginnen.»

Ungewohnte Ehre zu Lebzeiten: Der Rowohlt Verlag hat zum Geburtstag eine Werkausgabe gestartet, die in den kommenden zwei Jahren in 18 Bänden eine Wiederbegegnung mit wichtigen Werken bringt - angefangen von den bissigen literarischen Dokumentationen der 60er Jahre bis zu seinem jüngsten Roman «Die Frau, für die ich den Computer erfand» (2009).

Dazwischen liegen so sorgfältig recherchierte Titel wie eine Trilogie zum Deutschen Herbst 1977, in der Delius den bewaffneten Kampf der linksterroristischen RAF und die Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer aufarbeitet. Oder der spannende Roman «Mein Jahr als Mörder», der sich mit der Verdrängung der Nazi-Verbrechen im Nachkriegsdeutschland auseinandersetzt.

Zu den poetischsten Büchern gehört die autobiografische Erzählung «Bildnis der Mutter als junge Frau» (2006). In einem einzigen, fast 120 Seiten langen Satz schildert der Autor den Rom-Spaziergang einer jungen, hochschwangeren Frau, deren Mann 1943 kurzfristig an die afrikanische Front versetzt wird.

Rom ist auch die Schicksalsstadt von F.C. Delius, wie er meist verkürzt heißt. Hier wird er am 13. Februar 1943 als Sohn eines westfälischen Hilfspfarrers und einer Kindergärtnerin geboren. Er wächst in Hessen auf, lebt in Berlin und findet 2001 nach Rom zurück, weil seine heutige Frau dort als Leiterin der Casa di Goethe arbeitet. «Das ist der schöne Zufall der Liebe», sagt er. «Mal bin ich mit beiden Beinen in Berlin, mal mit beiden Beinen in Rom. Ich fühle mich an beiden Orten sehr Zuhause.»

In sein eigenes Leben gab Delius schon in mehreren Werken Einblick, zuletzt unter dem Titel «Als die Bücher noch geholfen haben» (2012). Als Sohn eines gefürchteten Vaters sei er im elterlichen Pfarrhaus «stotternd und stumm geworden», bis er das Schreiben für sich entdeckt habe, schreibt er da. «Ich spürte die Wohltat, mich am Schopf der eigenen Texte aus der Sprachlosigkeit ziehen zu können.»

Schon mit 19 veröffentlicht er erste Gedichte. Sein Entdecker und Mentor wird der Verleger Klaus Wagenbach, der den gerade promovierten Literaturwissenschaftler 1970 als Lektor an seinen legendären Kollektivverlag holt. Delius steht der 68er-Bewegung nahe, mag sich als Schriftsteller aber nicht einspannen lassen: «Ich habe mich doch nicht mühsam vom Kirchenlied emanzipiert, um jetzt politische Kirchenlieder zu schreiben», notiert er.

Wegen der Haltung zur RAF kommt es mit Wagenbach zum Bruch. Delius gründet 1973 gemeinsam mit sechs Freunden den ebenfalls gemeinsam geführten Rotbuch Verlag. Er wird mit seinem Spürsinn für damals unbekannte Autoren wie Heiner Müller, Thomas Brasch, Thea Dorn, Peter-Paul Zahl und Herta Müller erfolgreich, bis er sich 1978 als Schriftsteller selbstständig macht.

Zu den vielen Auszeichnungen, die er seither erhielt, gehörte 2011 auch der Georg-Büchner-Preis, der bedeutendste deutsche Literaturpreis. Derzeit arbeitet er nach dem «Bildnis der Mutter» an einem zweiten Buch, das in Rom spielt, diesmal im Rom der Gegenwart. «Mehr zum Inhalt sage ich nicht», so Delius. Und verrät nur: «Ja, es hat mehr als einen Satz.»

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1512869?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1739836%2F1740455%2F
Nachrichten-Ticker