Kultur
Tuvia Tenenbom und seine Kritiker

Berlin (dpa) - Sind alle Deutschen Antisemiten? Mit seinem Reisebericht «Allein unter Deutschen» provoziert der israelisch-amerikanische Autor Tuvia Tenenbom zum Widerspruch.

Freitag, 08.02.2013, 11:02 Uhr

Zwischen Hamburg und München hat er Banker und Schrebergärtner, Journalisten und Geistliche, Einwanderer und Studenten gesprochen und am Ende landete er stets bei einem Thema: Israel und die Judenfeindschaft. Das Buch, das beim Versandhaus Amazon auf Platz eins in seiner Sparte steht, trifft offenbar einen Nerv. Auf einer öffentlichen Diskussion mit dem Autor am Donnerstagabend in Berlin war davon allerdings nicht viel zu spüren.

Ob Beschneidungsdebatte oder die Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Journalisten Jakob Augstein - die Frage, wie es die Deutschen mit den Juden und ihrem Staat halten, kehrt regelmäßig in die Schlagzeilen. Tenenbom , dessen Buch Ende 2012 beim Suhrkamp Verlag erschien, hat eine griffige Formel: «Die Deutschen haben eine Obsession mit den Juden und mit Israel», sagte er bei einer Diskussionsrunde mit dem Autor Rafael Seligmann und dem «Zeit»-Reporter Christoph Dieckmann in der Berliner Volksbühne.

Ist klar, weiß der Theatermacher aus New York, bei dieser Geschichte kein Wunder. Aber Tenenbom fragt sich, wieso viele in Deutschland die Lage der Palästinenser in Gaza so bedauern, aber kein Wort über die noch schlimmere Situation der Palästinenser in Jordanien verlieren. Und auch er mag Benjamin Netanjahu nicht. Aber anders als Mahmud Ahmadinedschad drohe Israels Premier nicht mit der Auslöschung Irans. Ja, Antisemitismus gebe es überall auf der Welt, doch in Deutschland kämen die Schuldgefühle dazu - und der Versuch, sie auf dem Weg der Israelkritik abzuwehren.

Auf seiner Reise durch Deutschland sei er immer wieder mit Antisemitismus und Vorurteilen gegenüber Israel konfrontiert worden. «In Deutschland habe ich zum ersten Mal gespürt, dass ich Jude bin», sagt er. Er sei nicht losgezogen, um den Antisemitismus zu finden. Das Thema habe sich ihm in seinen Begegnungen aufgedrängt.

Tenenbom rattert seine Sätze ins Mikrofon, haut mal gerne auf den Putz oder reißt sich vom Sessel hoch. Rafael Seligmann ist dagegen ein Ausbund an Ruhe. Zwar spricht auch Seligmann von Vorurteilen und Beleidigungen, doch der Schriftsteller, der mit seinen Eltern als Kind aus Israel nach Deutschland zog und in München aufwuchs, versucht Tenenboms Tiraden etwas herunterzukühlen. «Antisemitismus gibt es überall auf der Welt», sagt er, «von Argentinien bis Zypern». Gegen Minderheiten, vor allem wenn sie tüchtig seien, gebe es überall Ressentiments.

Nur etwas mehr Sensibilität wünscht sich Seligmann im Umgang mit den Juden. Musste etwa Ägyptens Präsident Mursi, der daheim mit antisemitischer Propaganda auf Stimmenfang gehe, ausgerechnet am 30. Januar, dem Jahrestag von Hitlers Ernennung, mit Pomp und militärischen Ehren in Berlin empfangen werden?

Christoph Dieckmann, mehrfach ausgezeichneter Reporter, nimmt sich Tenenboms Handwerk vor. «Sie gehen auf die Menschen los, geben ihnen wenig Raum für ihre Antworten.». Er selber lasse seine Gesprächspartner ausreden. Als Dieckmann davon spricht, dass Tenenboms Bericht arg subjektiv sei, gibt es beim Autor kein Halten mit: «Es geht hier nicht um mich, vergessen Sie das Buch, zitieren Sie mich nicht mehr», ruft er in den Saal. Schließlich sei alles was, was Menschen schrieben, subjektiv - vom wissenschaftlichen Buch bis zum Roman.

Als Mann des Theaters beherrscht Tenenbom die Kunst der Provokation. Jüngst zeigte er am Rand einer Neonazi-Demonstration in Magdeburg den «Hitler-Gruß». Daraufhin wurde er von einem Demonstranten angezeigt. Am Ende klingt er dann wieder versöhnlicher. «Wenn ich durch die Straßen von Berlin gehe, weiß ich: Das sind genauso neurotische Menschen wie ich. Wir sind eine Familie.»

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