Kultur
«Die Nonnen von Sant'Ambrogio» - ein Klosterkrimi

Berlin (dpa) - Ein Giftanschlag im Kloster, ein Beichtvater, der im sündigen Verhältnis zu einer schönen Nonne steht, Klosterfrauen, die sich hinter hohen Mauern erotischen Spielen hingeben, das Ganze angereichert mit angeblichen göttlichen Visionen und Teufelsaustreibungen.

Dienstag, 05.03.2013, 14:03 Uhr

Das alles klingt nach einem schlecht erfundenen, schlüpfrigen Roman. Doch es war Wirklichkeit, geschehen so im römischen Kloster Sant'Ambrogio Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die unglaublichen und für die katholische Kirche ausgesprochen peinlichen Vorgänge in diesem Frauenkloster beschäftigten mehrere Jahre lang einen Inquisitionsprozess und endeten mit Verurteilungen und der Auflösung des Klosters. Danach breitete die Kirche den Mantel des Schweigens über das unsägliche Geschehen. Die Akten verschwanden in den Tiefen des vatikanischen Archivs. Erst 1998 machte Papst Johannes Paul II. die Dokumente der Heiligen Römischen Inquisition der Forschung zugänglich.

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat die klösterliche Kriminalgeschichte aufgespürt und sie jetzt in seinem sehr lesenswerten Buch «Die Nonnen von Sant'Ambrogio» veröffentlicht. Diese «wahre Geschichte», wie er sie im Untertitel nennt, ist dabei spannender als so mancher Thriller.

Den Stein ins Rollen brachte 1859 eine Prinzessin, die sich als Nonne nach Sant'Ambrogio zurückgezogen hatte. Doch klösterliche Ruhe fand Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen hier keineswegs, stattdessen erwartete sie ein wahrer Höllentrip. Bald hatte die Prinzessin nämlich den begründeten Verdacht, dass die schöne Novizenmeisterin Maria Luisa sie vergiften wollte, um eine unangenehme Zeugin ihrer Ausschweifungen aus dem Weg zu räumen.

Quasi in letzter Minute konnte sich Katharina mit Hilfe ihres mächtigen Cousins, des Erzbischofs Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst, retten. Dieser, ein enger Vertrauter von Papst Pius IX., bewirkte schließlich das Inquisitionsverfahren. Der Prozess dauerte zweieinhalb Jahre und brachte ungeheuerliche Dinge ans Tageslicht. Schon seit langem ging es in dem Frauenkloster nicht mit rechten Dingen zu.

Vor Jahrzehnten war die Klostergründerin Maria Agnese Firrao von der Kirche als falsche Heilige verurteilt und verbannt worden. Nun stellte sich heraus, dass die ungehorsamen Nonnen sie dennoch weiterhin als Heilige verehrten. Daneben war jedoch noch ein zweiter Kult um die junge Novizenmeisterin entstanden. Sie ist die eigentlich spannende Figur in der ganzen Geschichte. Die aus armen Verhältnissen stammende Maria Luisa war schon mit 13 Jahren ins Kloster gekommen. Klug, schön und charismatisch, hatte sie sehr schnell begriffen, wie man sich im Koster Macht verschaffen konnte. Bald wurde sie von Visionen heimgesucht und stellte sich als Werkzeug Gottes und der Jungfrau Maria dar.

Maria Luisas Auserwähltheit schien so überzeugend, dass sie nicht nur die Äbtissin und die meisten Nonnen in ihrer Hand hatte, sondern auch die beiden Beichtväter ihr hörig wurden. Wer ihr nicht folgen wollte, den beseitigte sie mit Gift. Die Inquisitionsrichter mochten ihren Ohren kaum trauen, als sie von den lesbischen Initiationsriten im Kloster erfuhren. So war Maria Luisa als junges Mädchen von der damaligen Äbtissin missbraucht wurden. Sie selbst gab diese Praktiken später an ihre Novizinnen weiter. Zu ihrem Beichtvater, einem renommierten Theologen und Jesuitenpater, unterhielt die Novizenmeisterin eine erotisch-mystische Beziehung. Religiöse Verzückung und sexuelle Ekstase gingen hier eine krude Mischung ein.

Es gelingt Hubert Wolf sehr gut, die Ereignisse im Kloster in die politischen und kirchengeschichtlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts einzubetten. In einer Zeit des aufkeimenden Liberalismus verhärtete sich die katholische Kirche. Mystische Tendenzen und ein schwülstiger Marienkult nahmen überhand. Viele glaubten noch an den Teufel. Geschickt wusste die skrupellose Maria Luisa diese Mittel einzusetzen, um als eigentlich machtlose Frau die Männer der Kirche zu manipulieren. Diese rächten sich. Während alle in den Skandal involvierten Männer mit milden Strafen davon kamen, wurde Maria Luisa zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Der Autor hat eine brisante Geschichte voll überraschend drastischer Quellen ans Tageslicht befördert, eine Geschichte der individuellen Verfehlungen, die aber auch ein trübes Licht auf die katholische Kirche wirft.

Hubert Wolf: Die Nonnen von Sant'Ambrogio. Eine wahre Geschichte. Verlag C.H. Beck, München, 544 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-406-64522-8

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1545105?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1739836%2F1740332%2F
Vorfreude auf den Demo-Tag
Selmar Ibrahimovic, hat die Demo in Warendorf mitorganisiert.
Nachrichten-Ticker