Dea Lohers „Unschuld“ in Münster
Dunkle Lichter der Großstadt

Münster -

Ein großes Ensemblestück voller skurriler Figuren ist „Unschuld“ von Dea Loher. Am Samstag hatte es in Münsters Großem Haus Premiere.

Sonntag, 28.04.2013, 16:04 Uhr

Das blinde Mädchen (Maike Jüttendonk) versteht sich auch gut mit Immigrant Elisio (Dennis Laubenthal).
Das blinde Mädchen (Maike Jüttendonk) versteht sich auch gut mit Immigrant Elisio (Dennis Laubenthal). Foto: Jochen Quast

„Wenn ich ein Tankwart wär . . .“, seufzt Frau Zucker inbrünstig. Dann nämlich hätte die zuckerkranke Dame alle Möglichkeiten, rauchend ein Inferno zu entfachen. Aber da sie kein Tankwart ist, fügt sie sich in ihr Schicksal und lässt sich den Fuß amputieren.

Frau Zucker ist beileibe nicht die skurrilste Figur in Dea Lohers Schauspiel „ Unschuld “. Da gibt es etwa Frau Habersatt, die sich als Mörder-Mutter ausgibt, um Vergebung zu erbitten. Oder die alternde Philosophin Ella, die nach verstiegenen Reflexionen über Anmut und Armut auf ihren Mann und Prügelknaben Helmut zu sprechen kommt: Der stumme Gatte ist so sehr in seine Arbeit als Goldschmied vertieft, dass die dämonische Denkerin ihn schließlich erwürgt.

Gelitten und gestorben wird reichlich an diesem Abend, schon in der Eingangsszene, von der Autorin so poetisch „Vor dem Horizont des Meeres“ betitelt, beobachten zwei afrikanische Immigranten, wie eine Frau ins Wasser geht – sie retten die Ertrinkende nicht, um nicht als Illegale entdeckt zu werden. Später betreten zwei glatzköpfige Selbstmörder die Bühne, und die makaberste Szene zeigt einen Chor der Gestrandeten, der einem Menschen auf der Brücke fordernd „Spring doch!“ zuruft.

Mehrere Handlungsstränge, die sich mehr oder weniger berühren, hat die deutsche Dramatikerin zu einem düster schillernden Kaleidoskop gefügt, das den Zuschauer aber weder in Depressionen stürzt noch ihn mit Sozialkitsch benebelt. Dafür steckt zu viel hintergründiger Humor in Lohers Texten. So grübelt einer der Afrikaner, nachdem er eine Tüte voller Geld gefunden hat, ob Gott nicht in dieser Tüte zu finden sei. Und wirft einer Kassiererin vor, ihn, den Schwarzen, zu diskriminieren, weil die Frau verzweifelt versucht, politisch korrekt zu handeln. Klar eigentlich, dass im Haupt-Handlungsstrang um den Schwarzen Fadoul und eine blinde Stripperin namens „Absolut“ der verklärende Schluss von Charlie Chaplins „Lichter der Großstadt“ umgebogen wird.

Regisseurin Bernadette Sonnenbichler und ihre Ausstatterinnen verblenden auf der Bühnen-Schräge, deren Mülltonnen-Deckel eine fröhliche Beckett-Stimmung hervorrufen, Lohers Szenen zum effektvoll gespielten Totentanz. Aus dem wunderbaren Ensemble ragen Aurel Bereuter als wohltätig verliebter Fadoul und Maike Jüttendonk als blinde Stripperin, die tänzelnd und auch singend das Geschehen dominiert, heraus. Der Musiker Cico Beck an Klavier und Schlagzeug schafft Stimmungen, ohne sich über Gebühr in den Vordergrund zu spielen.

Das Stück und der Abend polarisieren: Einige Zuschauer scheinen gleich auf den Besuch der Premiere verzichtet zu haben, einzelne verschwanden während der Aufführung. Doch der Applaus nach gut zwei Stunden war mehr als üppig.

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Nächste Aufführungen: 3., 10. und 11. Mai ✆ 0251 /59 09 100

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