Retro-Soul-Musiker räumen ab
Früher war alles besser

Münster -

Spätestens seit Amy Winhouses Durchbruch im Jahr 2006 sind Retro-Soul-Musiker die großen Abräumer im Musikgeschäft. Dafür stehen heute Musiker wie Leslie Clio oder Michael Kiwanuka.

Dienstag, 23.04.2013, 12:04 Uhr

 
Die Soul-Entdeckung aus Großbritannien Michael Kiwanuka begeistert mit 60er-Jahre-Klängen. Foto: dpa

Sie sind erst Anfang 20, klingen aber wie aus den 50er, 60er oder 70er Jahren. „This is 1968 from a­ ­dude born in 1988“, kommentiert ein You-Tube-Nutzer das Video zu „Tell Me a Tale“ des britischen Sängers Michael Kiwanuka . „Das ist 1968 von einem Typen, der 1988 geboren wurde.“

Retro-Soul-Musiker sind spätestens seit Amy Winehouses Durchbruch im Jahr 2006 die Abräumer im Musikgeschäft . Zwar war die Soulmusik der etablierten Stars wie Curtis Mayfield, Aretha Franklin oder Otis Redding nie ganz weg aus den Charts. Doch sind es heute junge Künstler wie Adele, Joss Stone, Leslie Clio und Michael Kiwanuka, die der afroamerikanischen Unterhaltungsmusik früherer Zeiten neuen Glanz verleihen.

Einen Grund dafür sehen Musikwissenschaftler darin, dass die Elektro-Welle der 80er und 90er abflaut und der Trend zurück zu handgemachter Instrumental-Musik geht. „Es ist spannender, jemanden an der Gitarre spielen als am PC mixen zu sehen“, findet Henning Verlage, Dozent für Musikproduktion an der Musikhochschule Münster . Selbst im Dance-Genre ersetzten zunehmend echte Instrumente und Gesang die PC-Musik.

Während schwarze Musik vor 40 Jahren jedoch oft einem politischen Impuls folgte, etwa in den wegweisenden Alben der Kiwanuka-Vorbilder Marvin Gaye oder Curtis Mayfield, bewegen sich die Vertreter des Retro-Soul textlich im Privaten. „Die Retro-Soul-Strömung ist nicht an einen politischen oder künstlerischen Trend geknüpft“, erklärt Rob Maas, Dozent für Live-Spiel an der Musikhochschule Münster. So sind Michael Kiwanukas Texte zwar stellenweise so wie frühere Soul-Texte spirituell („Oh Lord, I‘m getting ready to believe“), doch „mich beschäftigen gewöhnliche menschliche Geschichten. Einen Song zu schreiben, das hat für mich etwas Therapeutisches. Wenn es dem Hörer damit genauso geht, umso besser“, sagte Michael Kiwanuka der Nachrichtenagentur dpa in einem Interview.

Während der junge Brite mit ugandischen Wurzeln dem Erbe der schwarzen Musik früherer Jahrzehnte noch verpflichtet ist und ihm das Eigenständige bislang fehlt, klingt die Musik der Hamburger Soul-Sängerin Leslie Clio moderner. Grund sind unter anderem Trip-Hop-Elemente – langsame, dem Hip-Hop ähnliche, elektronische Rhythmen, die Anfang der 1990er in der britischen Stadt Bristol entstanden. „Der Soul kommt nur durch meine Stimme rein“, sagte die 26-Jährige, die heute im Gleis 22 in Münster gastiert (ausverkauft), kürzlich im Interview mit unserer Zeitung. Vorteil der jungen Künstler: Sie können mithilfe des Internets alleine stilgebend arbeiten und sich selbst vermarkten: „Die Wühlkiste der Musikstile ist riesengroß geworden. Früher war sie eine Plattenkiste, heute sind es wenige Klicks durch das Internet“, sagt Henning Verlage.

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