Kultur
Preisgekrönter Nordkorea-Roman - ein geraubtes Leben

Berlin (dpa) - Nordkorea ist nach wie vor das verschlossenste Land der Welt. Was herausdringt, sind bizarre Bilder eines martialisch auftretenden Jungdiktators und gleichgeschalteter Massen im Dienste eines absurden Personenkults.

Mittwoch, 08.05.2013, 15:05 Uhr

Ansonsten gibt es viele Mutmaßungen und Gerüchte über das Land der Kim-Dynastie, gespeist aus Berichten von Flüchtlingen und weniger Touristen, die ins Land durften. Was gänzlich fehlt, sind die Geschichten und Erzählungen nordkoreanischer Autoren. Solange diese nicht sprechen dürfen, müssen andere die Leerstelle füllen.

Das hat jetzt der amerikanische Autor Adam Johnson mit seinem aufsehenerregenden Nordkorea-Roman getan. «Das geraubte Leben des Waisen Jun Do » wurde kürzlich mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Der aus South Dakota stammende Autor (Jahrgang 1967) hat viele Jahre an seinem Buch gearbeitet und mehrfach Nordkorea besucht. Doch diese streng reglementierten Reisen ermöglichten naturgemäß nur einen sehr eingeschränkten, stark geschönten Blick. Viele schockierende Aspekte seines Buchs - etwa über die Straflager, den Hunger, die Entführung von Ausländern - beruhen laut Johnson auf einer Realität, die er anderswo fand, etwa in Artikeln einer nordkoreanischen Arbeiterzeitung oder in Flüchtlingsberichten.     

Im Mittelpunkt des Romans steht Jun Do, der Mann ohne Identität. Sein Vater ist der Direktor eines Waisenhauses mit dem zynischen Namen «Frohe Zukunft», seine Mutter kam ihm früh abhanden. Da sein Vater ihn verleugnet, muss Jun Do das verachtete Leben eines Waisenjungen führen. Auf der untersten Stufe der Gesellschaft stehend, hat er Abenteuer zu bestehen, um die man ihn nicht unbedingt beneidet. Er wird Mitglied eines Sondereinsatzkommandos, das in den unterirdischen Tunnelsystemen arbeitet, die nach Südkorea führen - für den Fall einer eventuellen Eroberung.

Danach nimmt er auf einem Schiff an Piraterieaktionen teil: An der japanischen Küste entführt er Menschen und verschleppt sie nach Nordkorea, etwa eine Sängerin, nach der der «Geliebte Führer» verlangt. Er steigt zum Funker und Abhörspezialisten auf und verliebt sich in die nächtlichen Funksprüche einer amerikanischen Ruderin. Er wird Nationalheld und darf mit einer offiziellen nordkoreanischen Delegation einen Senator in Texas besuchen. Doch nach dem Gesetz allumfassender Willkür landet Jun Do schließlich in einem der berüchtigten Straflager, wo er sich von Fischlaichen, versengten Motten und Wasserbüffelsperma ernährt.

Im zweiten Teil der Buchs sehen wir Jun Do als Angeklagten im Foltergefängnis. Er soll den Kommandanten Ga getötet haben, den Minister der Bergwerkgefängnisse, dessen Frau Sun Moon er verehrte. Schließlich nahm er die Identität des Kommandanten an - oder doch nicht?   

Manchmal erinnert Jun Do an einen Simplicissimus, dann wieder an einen gerissenen Fuchs, der dem Regime das gibt, was es hören will: Eine Geschichte. Hat er doch schon früh gelernt, dass in seinem Land nicht der Mensch zählt, sondern nur seine Geschichte. Und so erzählen alle in diesem Buch eine Geschichte. Geschichten, die aus der Angst geboren sind, entdeckt, bestraft, getötet zu werden. Und so bindet hier jeder dem anderen einen Bären auf. Selbst die Abhörspezialisten in den Folterkammern sind weniger an der Wahrheit als an Geschichten interessiert.

Der letzte Adressat dieser Geschichten ist dann der «Geliebte Führer» Kim Jong-Il. Die ganze Inszenierung gilt am Ende ihm. Darüber könnte man schmunzeln, wenn es nicht so traurig wäre. Johnson ist ein guter Geschichtenerzähler, sein Buch ein raffiniert komponiertes Epos. Manche Stellen sind skurril, andere allerdings ekelerregend und in ihrer brutalen Härte oft schwer zu ertragen. Fast noch schockierender als die Gewaltszenen sind dabei die Schilderungen über den allseits grassierenden, entwürdigenden Hunger. Man ahnt, dass das Ganze wahr ist. Doch tatsächlich erfahren werden wir es erst, wenn die Nordkoreaner einmal selbst erzählen können.

Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do. Suhrkamp Verlag, Berlin, 687 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-518-46425-0

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1649091?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1739836%2F1753681%2F
RWI-Studie: Wohnen wird im Münsterland extrem teuer
Immobilienpreise: RWI-Studie: Wohnen wird im Münsterland extrem teuer
Nachrichten-Ticker