Kultur
«Skandal-Biografie» zu Beuys überzeichnet

Berlin (dpa) - Joseph Beuys - das war der Mann mit dem festgenagelten Filzhut, der Anglerweste und den schweren Schuhen. Der Kunst-Messias mit der Fettecke, der «Schamane vom Niederrhein». Internationale Rankings führen ihn immer wieder als einen der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts auf.

Sonntag, 19.05.2013, 14:05 Uhr

Doch nun zeichnet eine neue Biografie ein anderes Bild. Darin erscheint Beuys als spinnerter Hochstapler mit braunem Einschlag.

Hans Peter Riegel , der 2010 bereits eine kritische Biografie des Malers Jörg Immendorff veröffentlichte, stellt in seinem fast 600 Seiten starken Buch drei zentrale Thesen auf. Erstens: Beuys hat zahlreiche Fakten seiner Biografie gefälscht, um besser dazustehen. Zweitens: Das gesamte Schaffen von Beuys (1921-1986) lässt sich mit der Lehre des Waldorf-Philosophen Rudolf Steiner (1861-1925) erklären, dessen Gesellschaftsbild Beuys über die Kunst in Deutschland durchsetzen wollte. Drittens: Beuys war «bis ins Mark völkisch» und umgab sich mit auffallend vielen Alt-Nazis.

Keiner dieser drei Punkte ist neu, allerdings liefert Riegel manche zusätzliche Information. Es zeigt sich, dass so ziemlich alle Angaben, die Beuys zu seinen frühen Jahren gemacht hat, falsch waren. Berühmt ist die Tatarenlegende, wonach er 1944 über der Krim abstürzte, lebensgefährlich verletzt und von Tataren mit Fett und Filz wieder aufgepäppelt wurde. In Wahrheit gab es nur eine Bruchlandung, die der Bordfunker Beuys mit einer Gehirnerschütterung glimpflich überstand.

Die Frage ist: Kann man das alles als Lügen bewerten? Teilweise mag es Beuys wirklich darum gegangen sein, seine Biografie zu schönen, so war sein Abitur nach Erkenntnissen Riegels nur vorgetäuscht. Bei anderen «Falschaussagen» ist jedoch offensichtlich, dass Beuys das eigene Leben zum Kunstwerk konstruierte. Riegel ignoriert das, so wie er überhaupt selten versucht, sich in seinen Protagonisten hineinzuversetzen.

Dass Beuys stark von den esoterischen Theorien Rudolf Steiners inspiriert war, ist seit langem bekannt. Riegels Buch bringt einen Erkenntnisgewinn, indem es zeigt, wie viele seiner Aussagen nahezu wörtlich von Steiner übernommen sind. Beuys verschwieg das meist, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass seine Steiner-Begeisterung nicht gut ankam. Riegel schießt allerdings übers Ziel hinaus, wenn er Steiner als alleinige Inspirationsquelle darstellt. Beuys war auch von der Romantik, von Novalis, Nietzsche und den Naturwissenschaften beeinflusst.

Und dann das Verhältnis zum Krieg und zum Nationalsozialismus . Auch das wurde schon kritisch beleuchtet, so 2002 von Frank Gieseke und Albert Markert in ihrem Buch «Flieger, Filz und Vaterland». Der Kunsthistoriker Beat Wyss schrieb 2008: «Im Künstlerhabitus verinnerlichte Beuys Ideen und Symbole, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekommen hatte. (...) Wäre Joseph Beuys so alt geworden wie seine Generationsgenossen Günter Grass und Martin Walser, die Fragen zu seiner Künstlerlegende wären schärfer ausgefallen.» Manche Äußerung von Beuys zu Auschwitz ist heute kaum erträglich.

Riegel hält sich selbst zugute, in einem nüchternen Stil zu schreiben, aber indem er sich auf negative Punkte konzentriert, ist seine Sicht stark verengt. Der Freiheitsimpuls in Beuys' Werk, seine Fähigkeit zur Selbstironie - all das wird ausgeblendet. Die Darstellung wird seiner komplexen Persönlichkeit nicht gerecht.

Hans Peter Riegel: Beuys, Die Biographie. Aufbau Verlag, Berlin, 595 Seiten, 28 Euro, ISBN-13 978-3351027643

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