Kultur
Wagner ist in Israel immer noch ein Reizthema

Tel Aviv (dpa) - Der Wagner-Boykott in Israel ist noch älter als der Staat selbst. Bronislaw Huberman, Gründer des Israelischen Philharmonieorchesters, sprach ihn 1938 unter dem Eindruck der Reichspogromnacht aus - also schon zehn Jahre vor der Staatsgründung. Inzwischen ist er mehrmals gebrochen worden.

Dienstag, 21.05.2013, 15:05 Uhr

Aber alle Versuche, Werke des deutschen Komponisten Richard Wagner (1813-1883) im größeren Rahmen in Israel aufzuführen, sind bisher gescheitert. Eine kleine Gruppe von Musikliebhabern und Dirigenten kämpft aber weiter hartnäckig dafür, dass Wagners Werke öffentlich gespielt werden dürfen.

Der Rechtsanwalt Jonathan Livny , der 2010 die erste Wagner-Gesellschaft in Israel gegründet hat, sagte der Nachrichtenagentur dpa: «Wir haben neue Pläne für ein Wagner-Konzert, aber ich will sie noch nicht veröffentlichen.» Der Grund für den Boykott Wagners in Israel sind dessen antisemitische Ansichten und seine große Beliebtheit bei den Nationalsozialisten. Livny unterscheidet ganz klar zwischen dem Menschen Wagner, den er ablehnt, und dessen Musik, die er vergöttert.

«Sein 200. Geburtstag interessiert mich nicht - es besteht keine Verbindung zwischen dem Geburtstag und einem Konzert (in Israel)», sagte Livny. «Ich feiere seinen Geburtstag nicht, weil ich für ihn als Person keinerlei Respekt habe - ich würdige nur seine Musik.»

Es gab schon eine ganze Reihe von Versuchen, den Boykott Wagners aus der Welt zu schaffen. Der weltberühmte Dirigent Daniel Barenboim sorgte 2001 für Diskussionen, als er in einem Konzert in Israel eine Zugabe aus «Tristan und Isolde» spielte. Im Juli 2011 spielten israelische Musiker unter der Leitung des Wiener Dirigenten Roberto Paternostro erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ein Werk von Wagner in Bayreuth . Ein erstes großes Wagner-Konzert in Israel wurde im vergangenen Jahr nach langem Verwirrspiel wieder abgesagt - es scheiterte an heftigen Protesten von Holocaust-Überlebenden gegen die Musik des Lieblingskomponisten von Adolf Hitler.

Ein weiteres, emotional besonders starkes Argument gegen die Aufführung von Werken Wagners im jüdischen Staat lautet, dass seine Musik während des Holocaust in deutschen Konzentrationslagern gespielt worden sei, während Juden in die Gaskammern geführt wurden. Dies wird jedoch inzwischen auch in Israel angezweifelt. «Es gibt keinerlei Beweis dafür, dass in Konzentrationslagern Wagner-Musik gespielt wurde», sagt Livny. «Es wäre gar nicht möglich gewesen, weil man dafür mehr als 100 Musiker gebraucht hätte - wo hätte man die hernehmen sollen?»

Auch Historiker der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem haben keine eindeutigen Informationen, ob Wagner-Musik wirklich in den Todeslagern gespielt wurde. Es habe damals keine offizielle «Politik» zu Musik und Orchestern gegeben. «Man müsste tausende von Memoiren durchlesen, um sicher sein, dass sie akkurat sind, um zu sehen, was an den verschiedenen Orten passiert ist», sagte die Sprecherin Estee Yaari.

Livny sieht Berichte über Wagner-Musik im Konzentrationslager jedenfalls als reine Fehlinformation. «Das ist genau so, wie viele sagen, er sei ein großer Nazi gewesen - es ist einfach Teil der Disinformation, die das Thema begleitet.» Und fügt in ironischem Tonfall hinzu: «Es gab in den Lagern kleinere Kapellen, die Mozart und Strauss spielten - vielleicht sollten wir die jetzt auch verbieten.»

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