Peymann-Inszenierung bei den Ruhrfestspielen
Totentanz der Jugendlichen

Recklinghausen -

Ein bisschen sieht es aus, als hätte jemand einen Schwarz-weiß-Film auf die Bühne gebracht: „Frühlings Erwachen“, von Claus Peymann an seinem Berliner Ensem­ble inszeniert, enthält nur einen einzigen Farbtupfer: Ilse, das „Modell“, bringt den armen Schüler Moritz als rot gekleidetes Symbol der Verführung um den letzten Rest des Verstandes. Ansonsten beherrschen Zwischentöne von schwarz und weiß Achim Freyers Bühne – bis sich am Ende sogar der Zuschauer in nachtschwarzer Grabestiefe wähnt.

Donnerstag, 23.05.2013, 18:05 Uhr

Moritz Stiefel (Lukas Rüppel) und seine Mitschüler entdecken ihre Sexualität.
Moritz Stiefel (Lukas Rüppel) und seine Mitschüler entdecken ihre Sexualität. Foto: Monika Rittershaus

Peymanns Deutung, die bereits im Dezember 2008 Premiere hatte und jetzt drei Mal bei den Ruhrfestspielen gastiert, macht aus Frank Wedekinds wildem Aufbruchsreigen pubertierender Schüler einen strengen Totentanz . Die karge Bühne wird im Hintergrund von vier drehbaren Wand-Elementen begrenzt, die unterschiedliche Durchlässe eröffnen und in der Gewitterszene auch mal vom Wind geschüttelt scheinen. Am Ende, wenn Selbstmörder Moritz seinem Freund Melchior am Grab von dessen geliebter Wendla erscheint, sind die Bretter heruntergefallen und geben den Blick auf den gewaltigen dunklen Bühnenraum frei. Wahrhaft kein neuer Effekt, hier aber zwingend eingesetzt.

Wie sich Peymann überhaupt in altmeisterlicher Manier präsentiert, der jede Szene nuanciert durchgearbeitet hat und einen schönen Sinn fürs Groteske zeigt: So kommt die Lehrerkonferenz als schräge Versammlung Geiger-gleicher Gestalten daher. Und wenn das junge Mädchen Wendla nach Aufklärung verlangt und von der verlegen stammelnden Mutter unter der Schürze geborgen wird, lugt das Boulevard-Theater lustvoll um die Ecke.

In allzu vielen Szenen jedoch erlebt man statt einer spannenden Aufführung eine literaturgeschichtliche Ausstellung: Peymann steckt Wedekinds Figuren in eine edel beleuchtete Vitrine, wo sie auf schwarzem Samt funkeln, aber kaum zum Leben erwachen. So zieht sich der Abend inklusive Pause über drei bisweilen zäh verrinnende Stunden hin. Das Ensemble mit so famosen Schauspielern wie Lukas Rüppel als Moritz oder Lore Stefanek als Melchiors Mutter erntet im Festspielhaus zwar Jubel-Applaus, und der mitgereiste Meister Peymann kann sich selbst bei den Vorhängen noch als großer Figuren-Arrangeur feiern lassen. Aber „Aufbruch und Utopie“, das Motto der diesjährigen Festspiele, hätte man sich mitreißender vorstellen können.

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Letzte Vorstellung: Freitag um 20 Uhr. 

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