Kunst
L.S. Lowrys «Streichholzmännchen» in der Tate Britain

London (dpa) - Qualmende Fabrikschornsteine und Massen von Streichholzmännchen-Figuren, die hastend einem Ziel zustreben - das ist das Markenzeichen des britischen Malers L.S. Lowry (1887-1976).

Montag, 24.06.2013, 15:06 Uhr

Fast 40 Jahre nach seinem Tod wird der Darsteller industrieller Szenen und Stadtlandschaften nun erstmals in Großbritannien offiziell gewürdigt. Die Tate Britain , die führende Galerie für britische Kunst, widmet Lowry eine große Retrospektive.

In der Ausstellung «Lowry and the Painting of Modern Life» werden rund 90 Werke gezeigt, davon etwa die Hälfte aus Privatbesitz. Die Tate will nach eigenen Angaben mit dem Mythos aufräumen, dass Lowry ausschließlich der naiven oder realistischen Malerei zuzurechnen sei. Vielmehr gebe es «wichtige Parallelen» zum französischen Impressionismus. Die Ausstellung wird an diesem Mittwoch eröffnet und dauert bis zum 20. Oktober.

Populär war Lowry schon immer, und in jüngster Zeit ist er auch teuer. Aber sein Ruf als exzentrischer Außenseiter und Künstler, der den Alltag der Arbeiterklasse in seiner nordenglischen Heimat um Manchester beschreibt und die Armut zu seinem Hauptthema macht, habe bisher seine umfassende Anerkennung in Großbritannien behindert, sagte der amerikanische Kunsthistoriker und Ko-Kurator TJ Clark bei der Pressevorbesichtigung am Montag. «Lowry war in der Tat ein durch und durch englischer Künstler. Aber um das zu werden, baute er auf sein Verständnis der französischen Auffassung von modernem Leben auf», sagte Clark.

Vermittelt wurden Lowry diese Einsichten durch Adolphe Valette , seinen französischen Professor an der Manchester School of Art. Lowrys Bilder wurden schon ab 1927 regelmäßig in Pariser Salons gezeigt - aber nicht in London . Dabei, so Clark, war auch eine gute Portion von «Snobismus» im Spiel. So verließ der unkonventionelle Lowry nie seine Heimat, um auf dem Künstlerparkett in London Karriere zu machen - und er arbeitete bis zu seinem 65. Lebensjahr als Mietkassierer für den sozialen Wohnungsbau in Manchester-Salford. Er wurde deshalb von vielen in der etablierten Kunstwelt als nicht ernstzunehmender «Hobby-Künstler» abgetan, so Clark.

In der Ausstellung werden lange Reihen von Lowrys grauen, oft düsteren urbanen Szenen aus dem England nach der Industriellen Revolution mit Gemälden von Maurice Utrillo, Camille Pissarro , Georges Seurat und Vincent van Gogh verglichen. Besonders Utrillos «bewusst nicht pittoreske Ansichten von Paris» aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts werden als Beweis angeführt. Lowry, so Clark, war weder ein streng genommen realistischer Maler, noch ein impressionistischer Künstler. Aber unter den britischen Malern des 20. Jahrhunderts habe er am fruchtbarsten mit der «französischen Tradition» zusammengearbeitet. «Er setzte das fort, was die Maler des modernen Lebens des 19. Jahrhunderts begonnen hatten.»

Lowry selbst sah das offenbar weniger komplex. Der Maler, der seine Eindrücke auf Spaziergängen durch seine Heimat sammelte, sagte einmal: «Die Leute sagen, es sind Streichholzfiguren. Sie haben vielleicht sogar recht. Aber ich male die Figuren so, wie ich sie sehe.» Seine Arbeit als Mieteneinsammler sei dabei von zentraler Bedeutung gewesen. «Ich schulde den Mietern viel, denn sie sind die Figuren in meinen Bildern.»

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1739293?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1739836%2F1820003%2F
Nachrichten-Ticker