Störendes Fotografieren und Filmen im Konzert
Wenn Störer auf Puristen treffen

Münster -

Der Pianist hat ja recht. Krystian Zimerman, der ein Konzert beim Klavierfestival Ruhr unterbrach, weil ein Besucher ihn mit dem Smartphone filmte, könnte sich etwa auf die Verkaufsbedingungen berufen. „Der unbefugte Gebrauch von fotografischen oder sonstigen Aufnahme-Geräten ist untersagt“, heißt es bei vielen Konzerten, das Klavierfestival ergänzt sogar: . . . auch für den privaten Gebrauch“. Ähnlich wie beim Kinobesuch ist die Rechtslage also klar: Wer das Ereignis abfilmt, verletzt das Urheberrecht und handelt illegal.

Mittwoch, 05.06.2013, 17:06 Uhr

Chick Corea ist Jazz- und Klassikfans gleichermaßen ein Begriff. Er lässt sich bei Konzerten höchst ungern fotografieren.
Chick Corea ist Jazz- und Klassikfans gleichermaßen ein Begriff. Er lässt sich bei Konzerten höchst ungern fotografieren. Foto: dpa/Jürgen Christ

Aber der Vorfall hat eine weitere Dimension und provoziert deshalb heftige Kommentare: Die einen halten den Pianisten für einen kühlen Absahner, der sich keinen Cent der Selbstvermarktung entgehen lassen will, oder für ein überspanntes Sensibelchen. Die anderen hingegen begrüßen seine Aktion, weil fotografierende oder filmende Konzertbesucher eine Plage seien.

Stimmt schon: Wer selbst in einer eher lockeren Veranstaltung, etwa dem Rock-Konzert in einem Stadion, fotografierende oder filmende Zuschauer vor sich hat, kann sich leicht genervt fühlen, zumal sie einem die Sicht versperren. In kleineren Sälen fühlen sich auch die Künstler gestört: „Nun machen Sie endlich Ihr Foto!“, rief Schauspieler Ulrich Tukur kürzlich einer Zuschauerin in Münsters Theater zu. Ohne gleich die Veranstaltung zu unterbrechen.

Es kommt eben auch auf die Art des Konzertes an. So wird der Geigen-Popstar David Garrett damit leben können, bei seinen Spektakeln mit Band und Lightshow fotografiert oder gefilmt zu werden: nicht legal, aber für ihn vielleicht nicht weiter störend. Spielt Garrett allerdings Kammermusik, so reagiert er empfindlich. Dann können den Künstler klickende Auslöser oder quietschende Gummisohlen schon mal in Rage bringen.

Als das Klavierfestival Ruhr noch seine Heimstatt in einem kleineren Saal hatte, kam es gelegentlich auch zu unwirschen Künstler-Reaktionen. So verließ der Pianist Vladimir Ashkenazy nach dem Eröffnungsstück gereizt die Bühne, weil er ein Kamerateam am Rand des Saales entdeckt hatte. Auch die Zusicherung, man würde erst am Ende des Konzerts filmen, stimmte ihn nicht um: Ashkenazy trat erst wieder auf, als das Team verschwunden war. Und Jazz-Star Chick Corea erklärte den Zuschauern, nachdem er einen Fotografen hinauskomplimentiert hatte: „Es ist nicht so sehr das Klicken, das mich stört, sondern es ist die Erwartung des Klickens.“

„Die sollen sich nicht so anstellen!“, meinen manche Zuhörer. Tatsächlich gibt es Künstler, die etwas lässiger mit widrigen Umständen umgehen als andere. Wer je erlebt hat, wie Krystian Zimerman etwa auf den erstklassigen Flügel des Veranstalters verzichtet, weil er seinen eigenen Steinway mitbringt und in der Pause (!) noch nachstimmen lässt, der ahnt, wie kompromisslos dieser Künstler ist: ein Perfektionist, der seinen Ruf als überragender Pianist auch seinem Kontrollwillen verdankt. Dass jemanden wie ihn schon der kleinste Störfaktor irritiert, kann man verstehen. Dass er mit wirtschaftlichem Schaden durch Youtube-Videos sein Verhalten erklärte, wäre gar nicht nötig gewesen. Fatal auch, dass Hunderte von konzen­triert lauschenden Konzertbesuchern seine Reaktion erleiden mussten: Sie wurden mitbestraft.

Auf manche Künstler wirkt der Wunsch, ein Konzert mitzuschneiden, ohnehin absurd: Sie sind der Meinung, dass das Erlebnis der hier und jetzt entstehenden Musik nicht reproduziert werden kann. Ein Purist war der 1996 verstorbene Dirigent Sergiu Celibidache: Er nahm nicht mal Schallplatten auf. Dass seine Konzerte posthum auf CD dokumentiert wurden, entsprach eigentlich nicht seinem Willen. Ganz konsequent indes war er nicht: Dass es offizielle Mitschnitte gab, wusste er natürlich. Allerdings: Hätte es vor 20 Jahren schon Smartphone-Filmer gegeben – „Celi“ hätte wohl auch die schönste Bruckner-Sinfonie verärgert abgebrochen.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1700345?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1739836%2F1820003%2F
Nachrichten-Ticker