Theater
Iranische Theaterpremiere in Hannover

Hannover (dpa) - Während im Iran die Bevölkerung nach der Wahl eines moderaten Präsidenten Hoffnung auf Wandel schöpft, zeichnet eine Teheraner Theatertruppe auf der Bühne in Hannover ein desolates Bild.

Montag, 24.06.2013, 11:06 Uhr

In der Inszenierung von Anton Tschechows «Iwanow» durch die Mehr Theatre Group, die bereits mit etlichen Produktionen im Westen war, dominieren Selbstbetrug, Lüge und Aussichtslosigkeit. Wie viele Iraner klammern die Protagonisten sich an den Strohhalm der Auswanderung ins Ausland, was sich am Ende als Luftschloss entpuppt. Die Deutschlandpremiere des bereits im Iran gefeierten Stücks wurde zum Auftakt des Festivals Theaterformen gespielt.

Entscheidend für eine Theaterproduktion sind gemeinhin die Inszenierung und die Resonanz des Publikums, bei der iranischen Truppe ist alleine ihr Gang auf die deutsche Bühne schon ein Gewinn für beide Seiten. Gerade bei Ländern, die als feindselig eingestuft werden, sei ein kultureller Austausch enorm wichtig, sagt der Pionier des Theateraustausches mit dem Iran und Intendant des Theaters an der Ruhr, Roberto Ciulli . 1999 gastierte das Ensemble als erstes westliches Theater seit der Revolution im Iran. «Die Bürger und die Zivilgesellschaft müssen gestärkt werden.» Schauspieler und Regisseure profitierten von den Gastspielen im Westen, weil sie dort Dinge sehen, die ihnen sonst verschlossen blieben.

«Das ist außerordentlich wichtig, weil der Iran seit der Revolution von der Außenwelt isoliert ist», sagt auch Exil-Autor Bahman Nirumand. Je mehr Schriftsteller oder Theatermacher ein Podium in Deutschland erhielten, desto mehr biete ihnen das Rückendeckung in der Heimat. Je mehr versucht werde, Intellektuelle im Iran zu isolieren, umso wichtiger werde eine Intensivierung des Austausches. «Sanktionen bringen nichts, wichtig ist, dass die Zivilgesellschaft, zu der auch die Künstler gehören, unterstützt wird.»

Mit einem «Fokus Iran» etwa förderte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 2011 den Austausch. «Für die Künstler ist es extrem wichtig, dass sie wahrgenommen werden», sagte bpb-Präsident Thomas Krüger. «In einer Situation des Aufbruchs, wie es mit der Wahl des neuen Präsidenten Hassan Ruhani der Fall zu sein scheint, müssen zerrissene Kontakte wieder aufgenommen werden.»

Die iranische «Iwanow»-Inszenierung folgt inhaltlich dem klassischen Tschechow-Stoff. Iwanow ist seiner sterbenskranken Frau Anna überdrüssig, die für die Heirat mit ihm mit ihrer jüdischen Familie gebrochen hat. Stattdessen interessiert er sich für die junge Sascha - die geplante Hochzeit nach Annas Tod aber platzt. Iwanow bleibt erschöpft und antriebslos zurück. Sinnbildlich stehen er und die übrigen Charaktere für eine iranische Gesellschaft, in der jeder Einzelne mehr oder weniger desillusioniert ein privates Fortkommen sucht und es Visionen für die Welt außerhalb der eigenen vier Wände nicht mehr gibt.

Iwanow trägt oft fette Kopfhörer, mit denen er Englischkurse für eine mögliche Auswanderung hört, und immer wieder werden Bruchstücke von Lektionen eingespielt. Ganz am Ende heißt es, mit der Aufforderung an Sprachschüler Iwanow, die Sätze nachzusprechen: «Gucke aus dem Fenster. Dein Land liegt in Trümmern. Dein Land braucht dich. Es gibt keine Hoffnung.»

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