Reiner Kunze wird 80
Eine Lebensader führt nach Münster

Münster/Obernzell -

Der Lyriker Reiner Kunze gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern deutscher Sprache. Am 16. August wird er 80 Jahre alt. Wichtige Verbindungslinien im Leben Reiner Kunzes führen auch nach Münster.

Donnerstag, 15.08.2013, 17:08 Uhr

Der Schriftsteller und Lyriker Reiner Kunze im Garten seines Hauses im bayerischen Obernzell, nahe Passau.
Der Schriftsteller und Lyriker Reiner Kunze im Garten seines Hauses im bayerischen Obernzell, nahe Passau. Foto: dpa

Erst vor wenigen Wochen befragte der frühere SWR-Intendant Peter Voß für 3sat Reiner Kunze . Es stellte sich eine wichtige Beziehungslinie des in der DDR jahrzehntelang von der Stasi bespitzelten Lyrikers und Schriftstellers nach Münster heraus. Kunze, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, schilderte am Beispiel seiner Kontakte mit dem münsterischen Literaturkritiker Jürgen P. Wallmann (1939-2010), viele Jahre Mitarbeiter unserer Zeitung, die Methoden der DDR-Staatssicherheit, Post zu kontrollieren und Kontakte zu unterbinden.

Wenn also Jürgen P. Wallmann seinem Freund Reiner Kunze ein Treffen in Leipzig vorschlug, und sei es auch noch so zeitig zuvor, „kam die Post dennoch einen Tag nach dem vereinbarten Datum an“, schilderte Kunze. So verhinderte die Stasi unliebsame Treffen mit dem Gast aus dem Westen. Der übrigens nicht nur Kritiker war, sondern, wie Wallmanns Ehefrau Anneliese Bieber-Wallmann auf Anfrage schildert, für Reiner Kunze auch eine wichtige Adresse, um Manuskripte über die Prager Botschaft sicher in den Westen zu schleusen. Noch 2010 ist Kunze in Münster gewesen und hat Teile der zeitgeschichtlich hochinteressanten Korrespondenz, die Wallmann aufgehoben hatte, durchforstet, um auch für das eigene Archiv Material zu sichern.

Kunze wurde in Oelsnitz im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters geboren. Seine akademische Laufbahn an der Leipziger Universität musste er in den 1950er Jahren aus politischen Gründen aufgeben. Als Hilfsschlosser hielt er sich über Wasser, ehe er freiberuflicher Autor wurde. Im Jahr 1976 erschien dann der Prosa-Band „Die wunderbaren Jahre“, in dem er den kritisch Alltag von Jugendlichen in der DDR beschrieb.

Das Buch führte zum Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband, und wurde für das jahrelang auf übelste Weise schikanierten Ehepaars Kunze 1977 zum Fahrschein in den Westen. Innerhalb weniger Tage genehmigten die DDR-Machthaber den Ausreiseantrag. Noch im gleichen Jahr erhielt Kunze die bedeutendste Literaturauszeichnung der Bundesrepublik, den Georg-Büchner-Preis. Das Ehepaar lebt seitdem in Obernzell bei Passau – in einem Haus mit einem großen Gelände, das sie heute noch auf Trab hält.

„Ich gehe immer noch in den Steilhang hinter meinem Haus und schneide das Gestrüpp und den Wildwuchs“, betont der feingeistige Schriftsteller, der mehrfach zu Lesungen in Münster war. Außerdem halte ihn die ausgewogene Küche seiner Frau, die Medizinerin ist, fit. Fernsehen ist bei den Kunzes tabu. „Wir hören lieber Rundfunk“, betont der Autor.

Zudem kümmere er sich mit seiner Frau um die „Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung“. Nach dem Tod der Eheleute soll ihr Wohnhaus ein Dokumentations- und Ausstellungszentrum werden – eine „Stätte der historischen Wahrheit“ mit zeitgeschichtlichen Briefen, Stasi-Dokumenten, Fotos, Filme und Tonaufnahmen.

Ganz groß feiern will der Lyriker heute übrigens nicht. Es werde genug Arbeit auch an diesem Tag geben. „Ich hoffe aber, dass ich einen ruhigen Augenblick mit meiner Frau haben kann“, sagt Kunze.

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