Erstaufführung im Großen Haus
Sagen oder Nichtsagen?

Münster -

Um Geheimnisse und um Dinge, die gesagt werden müssen oder besser ungesagt blieben, geht es in „Liebe und Information“, dem jüngsten Stück der englischen Dramatikerin Caryl Churchill.

Sonntag, 22.09.2013, 17:09 Uhr

Die Fans wissen scheinbar alles über ihr Idol. Doch was nützen die Informationen?
Die Fans wissen scheinbar alles über ihr Idol. Doch was nützen die Informationen? Foto: Oliver Berg

Die Mutter ist nicht da, die Tochter redet, aber der Sohn mag nicht zuhören. Bis sie ihm mal eben offenbart: „Ich dachte, du willst vielleicht wissen, dass Mama nicht deine Mutter ist, ich bin deine Mutter, Mama ist deine Oma.“ Mit dieser Information verschiebt sich für den Sohn das familiäre Koordinatensystem: Er hat nun keine Schwester mehr. Aber irgendwann musste es ja gesagt werden.

Mit dessen deutschsprachiger Erstaufführung eröffnete Münsters Schauspiel, noch vor dem „Hamlet“, die neue Saison. Sagen oder Nichtsagen – das ist in dieser 100-minütigen Szenenfolge die Frage.

Die Autorin, die am Ende freundlich lächelnd den Applaus im Kleinen Haus entgegennahm, hat ihren Interpreten ein wunderbar offenes Spielmaterial bereitgestellt. Eine Folge von 49 Szenen, die mit ständig wechselnden Figuren auf den ersten Blick fast zusammenhanglos erscheinen mag, die aber in ganz unterschiedlicher Weise ihr Thema umkreist. Familiäre und politische Konstellationen gibt es da, Spione, Ärzte oder Folterknechte stehen alle vor dem gleichen Problem: Welche Informationen bekomme ich, wie gehe ich damit um?

Damit bewegt sich Churchill auf einem ganz anderen Niveau, als hätte sie lediglich die moderne Informationsgesellschaft analysieren wollen. Regisseurin Caro Thum bringt das in einem Dialog satirisch auf den Punkt: Die Debatte über Gott führen ausgerechnet zwei arme Reklameläufer, die in alberner Handy-Verkleidung stecken. Auf Wolf Gutjahrs leergeräumter Bühne, wo neben den Figuren vor allem deren vielgestaltige Kostüme sprechen, bringt sie die Texte nicht nur zu dialogischem Leben, sondern spitzt sie auch noch zu, indem sie etwa einen langen Monolog über die Farben der Rose einer Blinden anvertraut.

Forscher sezieren Gehirne, eine Kranke will wissen, wie lange sie noch leben darf; Fans wissen scheinbar alles über ihr Idol; eine Frauschwelgtin Erinnerungen, während der Mann kaum noch weiß, was sie meint: Caryl Churchill fügt szenischen Aphorismen aneinander, und das neunköpfige Ensemble macht lauter kleine Hauptrollen daraus. Immer, wenn Beliebigkeit drohen könnte, folgt eine längere Szene von erlesener Komik: So verheddert sich der Gedächtnistrainer wundersam, weil ihn seine Schülerin durcheinanderbringt. Und nach einem Quizfragen-Finale läuft, als putziger Regie-Einfall, einer über die Bühne, dem das alles völlig wurscht ist. Schön.

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Nächste Termine: 25. und 27. September, 19.30 Uhr

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