„Hamlet“-Premiere im Theater Münster
Der nackte Wahnsinn

Münster -

Wenn Hamlet in Münster über die Bühne des Großen Hauses tobt, um splitternackt den Wahnsinnigen zu geben, sind die Zuschauer womöglich ebenso beeindruckt wie Polonius, dem dieses Schauspiel gilt. Und der hellsichtig spricht: „Auch wenn es Wahnsinn ist, so hat es doch Methode!“

Sonntag, 22.09.2013, 17:09 Uhr

Der Dänenprinz Hamlet (Florian Steffens) schreckt vor keiner Verrenkung zurück.
Der Dänenprinz Hamlet (Florian Steffens) schreckt vor keiner Verrenkung zurück. Foto: Marion Buehrle

Inszenatorisch wirkt dieser „Hamlet“ ebenfalls schlank und dynamisch: Münsters Schauspieldirektor Frank Behnke schließt mit der Shakespeare-Saisoneröffnung an seinen Vorjahres-Coup mit Schillers „Räubern“ an. Wieder ein Klassiker, der nicht feierlich zelebriert, sondern in drei Stunden Spielzeit zeitgemäß aufbereitet wird. Mit dem Unterschied allerdings, dass die forschen Räuber viel mitreißender in unsere Gegenwart einbrachen als der grüblerische Hamlet.

Behnke räumt kräftig auf in dem von Roland Schimmelpfennig übersetzten Drama. Den Geist von Hamlets ermordetem Vater lässt er von einem männlichen Chor darstellen, der aus dem Grab an der Rampe emporwächst und am Ende als trauriger Trupp von Rollatoren-Königen erscheint. Die Intriganten Rosenkranz und Güldenstern (liebevoll gekaspert von Ronny Miersch und Maximilian Scheidt) treten zudem als Schauspiel-Ensemble und Totengräber-Duo auf. Und neben ein paar Randfiguren fehlt auch Norweger-Prinz Fortinbras, der nach dem großen Sterben die Dänen-Herrschaft übernimmt.

So wird Shakespeares Stück im Großen Haus aufs Familiendrama konzen­triert. Wie ein gewaltiger Scheinwerfer richtet sich Günter Hellwegs trichterförmige Bühne, unter der die Figuren zur Rampe hervorkrabbeln können, auf die Familien Hamlets und Ophelias. Anders als in „Romeo und Julia“ allerdings scheitert die Liebe des jungen Paares nicht an der Feindschaft, sondern an der Übereinkunft der Familien: Hamlets mörderischer Stiefvater und Ophelias Vater Polonius machen gemeinsame Sache.

Regisseur Behnke kitzelt Szene für Szene die Effekte heraus und erschafft schöne Bilder, ohne das Stück wirklich neu zu erzählen. Und er setzt auf die stimmige Besetzung: Florian Steffens und Maike Jüttendonk müssen athletisch agieren oder sich mit Erde einreiben, könnten mit ihrer sprachlichen Präsenz aber auch in einer konventionelleren Darstellung überzeugen. Hamlets Mutter und sein Stiefvater (Carola von Seckendorff und Mark Oliver Bögel) tänzeln ebenso gekonnt wie Polonius (Hubertus Hartmann) auf dem schmalen Grat zwischen Charakterisierung und Karikatur. Christoph Rinke als Laertes und Dennis Lauben­thal als Horatio sind ohne Fehl.

Ob das Theater mit dieser Aufführung annähernd so viel Wirkung erzielen kann wie Hamlet selbst mit seiner Aufführung vor dem König, mag man bezweifeln. Aber die Machtwechsel hierzulande sind mit denen in Hamlets angefaultem Dänemark ja auch nicht zu vergleichen.

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Nächste Aufführungen: 27. September (19.30 Uhr), 29. September (19 Uhr)

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