„Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ im Kleinen Haus
Umerziehung in China

MÜnster -

China ist im Kommen. Die riesige rote Fahne wird durchs Kleine Haus geschwenkt. Achtung: Köpfe runter in der ersten Reihe! Die fünf Darsteller sind ganz dicht dran, das Reich der Mitte wird mitten im Raum imaginiert. Dort, wo sonst die Bühne ist, stehen lange Reihen aus weißen Plastikstühlen. Leerstellen für ein schweigendes Riesenvolk, das seit Ewigkeiten Verfügungsmasse für ein gesellschaftliches Experiment ist.

Sonntag, 13.04.2014, 17:04 Uhr

Der Ausbrecher (Florian Steffens) bedroht Fräulein Hallo (Carolin Wirth).
Florian Steffens und Carolin Wirth spielten in „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ mit. Foto: Oliver Berg

Der Schriftsteller Liao Yiwu gibt ihm eine Stimme – die in seiner Heimat prompt verboten wurde. Mittlerweile lebt er in Berlin . In Münster wurde nun „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ als Dramatisierung uraufgeführt. Rauschender Premieren-Applaus war nach zweieinhalb Stunden der Lohn für eine stimmige Inszenierung (Max Claessen) und ein emotional auftrumpfendes Ensemble. Diese Geschichtsstunde war lang und lehrreich, oft auch quälend. Und wenn bewusst alberne Einsprengsel dem Publikum mal eine Atempause verschafften, fuhr die Grausamkeit danach umso mehr ins Mark.

Grausam ist es, wenn Chinas „Großer Sprung“, der den Anschluss an die Industrienationen bringen sollte, Anfang der 60er Jahre zur Hungersnot führte. Mit Kannibalismus und zig Millionen Toten. Grausam, wenn Mao Tse-tungs „Kulturrevolution“ wenig später Künstler und Intellektuelle terrorisiert, die „nach Individualismus stinken“. Die Umerziehung eines Komponisten erinnert gespenstisch an Orwell. Und wenn die Propagandisten aggressiv ihre Mao-Bibeln schwenken, spiegeln sie westliche Studenten, die dasselbe taten. Aber auch China verwestlicht, der Diktatur zum Trotz; die Darsteller singen Bob Dylans „Times They Are A-Changin’“. Und es klingt sehr traurig.

Liao Yiwu erzählt all das von unten – durch Geschichten von Menschen, die er teils im Gefängnis kennenlernte. Thematisch verbunden sind zwei, die „durch die Scheiße“ mussten. Einer ganz wörtlich, als Knast-Ausbrecher (explosiv: Florian Steffens). Ein anderer, der Toiletten-Wart, fabuliert von den alten Zeiten, als Exkrement noch wertvoller Dünger war und bewacht werden musste. Und das „Fräulein Hallo“? Carolin Wirth spielt es grandios als schaurige Girlie-Karikatur, deren Seele im Konsumwahn verlorenging.

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