Diskussion um Tukur-„Tatort“
Große Kunst oder kruder Comic?

„Es war“, urteilt der Mediendienst Kress, „mit hoher Wahrscheinlichkeit jetzt schon der mit Abstand aufregendste ARD-Krimi des Jahres“. Zwar erreichte der vierte „Tatort“ mit Ulrich Tukur nicht die Spitzenquoten der Münster-Krimis oder der Filme von Til Schweiger, löste aber eine Debatte im Internet (und am Montagmorgen in diversen Büros) aus wie kaum ein anderer Fernsehkrimi.

Montag, 13.10.2014, 17:10 Uhr

Felix Murot (Ulrich Tukur) und Magda Wächter (Barbara Philipp) polarisieren das Publikum.
Felix Murot (Ulrich Tukur) und Magda Wächter (Barbara Philipp) polarisieren das Publikum. Foto: ARD

„Ich hoffe, dieser Tatort ist Anstoß dafür, auch mal ausgelatschte Pfade zu verlassen“, schreibt ein Zuschauer. „Münster-Tatort in Ehren, aber der letzte war einer dieser ausgelatschten Pfade. Hier hat man Mut bewiesen. Ein Tatort, der polarisiert. Ich habe mich großartig unterhalten gefühlt und hoffe, man wagt sich öfters aus seiner Kuschelecke. Das war mir jeden Cent an Rundfunkbeitrag wert.“

Das Stichwort „polarisieren“ benennt ein wesentliches Charakteristikum des Films. Denn die Gegenstimmen klingen nicht weniger entschieden: „Die Macher waren offensichtlich ,stets bemüht‘, dem Publikum was ganz außergewöhnliches präsentieren zu wollen ... Herausgekommen ist für meinen Geschmack eine völlig überzogen aufgeblasene Geschichte um eine Dreiecksbeziehung ... Und dann wieder die belehrende ,Theater-Stimme‘, dass Rache ja doch was sehr Schändliches sei. Nee wirklich jetzt?!“

Auf jeden Fall ungewöhnlich

Einig sind sich alle Kommentatoren darin, etwas Ungewöhnliches gesehen zu haben – fast möchte man jenes Pauschal-Lob bemühen, dass der Film schon deshalb gut war, weil er niemanden kalt ließ. Solch ein Urteil würde allerdings auch zu den Schweiger-Krimis passen, besagt also nicht viel. Und dass Regisseur Florian Schwarz sein Metier virtuos beherrscht, mit seinem Team verblüffende Bilder schuf (zu denen etwa Filmbilder gehörten, die sich scheinbar in Gemälde verwandelten) und mit Kunst-Zitaten locker jonglierte, wird kaum bestritten. Eher, was das Ganze soll und ob es dem eigentlichen Krimi nützt: „Dieser ,Geniestreich‘ ( FAZ ) war ein mit deutschem Ernst getränkter viertklassiger Comic. Mehr nicht“, schreibt ein Kritiker.

Interessanterweise wird von den Befürwortern des Films nicht selten der Hessische Rundfunk gelobt, der ein so polarisierendes Produkt gewagt hat. Nicht zum ersten Mal, wie man in Erinnerung rufen muss: Schon der zweite Tukur-„Tatort“ mit dem Titel „Das Dorf“ war ein außergewöhnlicher Film, für den sich Regisseur Justus von Dohnanyi bei Edgar Wallace und Franz Kafka gleichermaßen bediente. Seitdem wissen „Tatort“-Kenner, was sie von Tukur-Filmen erwarten dürfen.

„Peinliches Geklaue“

Es ist zwar nicht immer sinnvoll, den Künstler über sein Werk zu befragen – aber die Aussagen des Regisseurs Florian Schwarz sind schon interessant: „In gewissem Sinne ist Harloff (der Täter) eine religiöse Figur: Er verpflichtet sich fast 30 Jahre lang einer Idee. So wie ein religiöser Fanatiker einer bestimmten Gottesidee verhaftet ist, ist es bei ihm seine Rachefantasie ... An sie glaubt er. Und der Glaube braucht das Mord-Ritual, das wiederum etwas von einer Kunstform hat. Ja, der Film ist ein Tatort, es ist ein Kriminalfilm, aber es gibt auch Ebenen jenseits des zu lösenden Falls. Der Film hat auch eine tragische Ebene.“

Was allerdings nicht alle Regie-Kollegen so sehen: „So’n Schrott“ schreibt einer, „peinliches Geklaue bei wirklich Großen macht aus einer kruden Story auch nix, und Kunst? Na dann, gute Nacht.“ Der „Tatort“-Fan und Borchert-Theater-Chef Mein­hard Zanger hingegen schwärmt: „Endlich mal Fiction. Verzicht auf (Pseudo-) Authentizität. Tolles Drehbuch, tolle Schauplätze, tolle Regie und vor allem — was hat unser Land doch für tolle Schauspieler! Große Kunst.“

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