Rostropowitsch an der Berliner Mauer
„Freiheit schöner Götterfunken“

Münster -

Ein alter Mann vor der Berliner Mauer. Er spielt Cello. Der Russe Mstislav Rostropowitsch symbolisiert mit seinem Spiel die Einheit musikalisch. Er spielt Bach. Den Universal-Komponisten, der in Leipzig gewirkt hat.

Dienstag, 04.11.2014, 07:11 Uhr

Mstislaw Rostropowitsch spielt Bach beim Grenzübergang Checkpoint Charlie.
Mstislaw Rostropowitsch spielt Bach beim Grenzübergang Checkpoint Charlie. Foto: Ullstein

Sie stammten von den entgegengesetzten Seiten des Eisernen Vorhangs, waren aber nicht nur durch die Musik, sondern auch durch das humanistische Denken verbunden: der Amerikaner Leonard Bernstein und der Russe Mstislav Rostropowitsch . „Sein Expressionsdrang kennt kaum Grenzen, sein Stil ist stets der der Umarmung und Überwältigung.“ Ein Kritiker-Satz, der auf den Cellisten Rostropowitsch gemünzt war, aber noch besser auf den Dirigenten Bernstein passt. Diesen beiden Musiker-Giganten des 20. Jahrhunderts bedeutete die Öffnung der Berliner Mauer so viel, dass sie mit bewegenden öffentlichen Gesten darauf reagierten: Der Russe Rostropowitsch, in den 70er Jahren aus der Sowjetunion ausgebürgert, reiste im November spontan von Paris nach Berlin , um inmitten des Trubels in der Mauer-Öffnung am Checkpoint Charlie aus Bachs Cellosuiten zu musizieren. Und Leonard Bernstein, der Amerikaner mit ukrainisch-jüdischer Abstammung, gab wenige Wochen später, an den Weihnachtstagen 1989, ein besonderes Konzert – eines der letzten seines Lebens.

Die Idee stammte von „Lennies“ Kumpel Justus Frantz, dem er zur Gründung des Schleswig-Holstein-Musikfestivals geholfen hatte: Orchestermusiker und Sänger aus Ost und West zusammenzutrommeln, um ein besonders symbolträchtiges Musikstück auf beiden Seiten der Berliner Mauer zu spielen. Beethovens neunte Sinfonie mit den Schiller-Worten „Alle Menschen werden Brüder“ war für den leidenschaftlichen Humanisten Bernstein schon immer ein klingender Friedens-Appell – nie wirkte er passender als zu diesem Anlass.

Das Konzert, das in der Westberliner Philharmonie Premiere hatte und am Ersten Weihnachtstag im Ostberliner Konzerthaus wiederholt und im Fernsehen übertragen wurde, faszinierte Millionen Zuschauer: Zum Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks gesellten sich Musiker der Staatskapelle Dresden und berühmter internationaler Orchester. Und Bernstein, der hingebungsvolle Überwältigungs-Musiker, ließ trotz krankheitsbedingter Schwäche nicht nur so pathetisch wie kaum je zuvor musizieren, sondern hatte sich auch noch eine besondere Geste ausgedacht: Statt „Freude schöner Götterfunken “ ließ er „Freiheit schöner Götterfunken“ singen und rechtfertigte diesen Eingriff in Schillers Gedicht mit der Spekulation, der Dichter hätte wohl auch einen Entwurf „An die Freiheit“ verfasst. Und dann, typisch Lennie: „Ich bin sicher, dass Beethoven uns seinen Segen gegeben hätte. Es lebe die Freiheit!“

Kritische Geister mögen das für Kitsch halten, mögen die so bescheiden anmutende Geste von Rostropowitsch vorziehen, die klare Sprache Bachs zwischen den Maueröffnungen schweben zu lassen. Bei Bernstein klingt der erste Beethoven-Satz in diesem Konzert wie der personifizierte Schrecken des kalten Krieges, und Kenner des Stücks zucken leicht zusammen, wenn sie im Finale das Wort „Freiheit“ statt „Freude“ deklamiert hören: Die CD mit dem Cover des bunt bevölkerten Brandenburger Tores dokumentiert es ja immer noch.

Aber so wie Bernstein mögen ebenfalls viele gedacht haben: Wann, wenn nicht zu einem solchen Ereignis, ist pathetischer Überschwang angebracht?

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