LWL-Museum präsentiert Schmelztiegel Londoner Kunst
Das Leben unmittelbar vor Augen

Münster -

Wer die Namen Francis Bacon, Lucian Freud und David Hockney hört, ist geneigt, Dollarzeichen vor seinem geistigen Auge zu sehen. Immerhin gilt Bacons Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“, das nicht in Münster zu sehen ist, mit 142 Millionen Dollar als das derzeit teuerste Bild der Welt. Sinnvoller scheint es, sich die Situation jener Künstler zu vergegenwärtigen, deren Werke das neue Landesmuseum in seiner ersten Wechselausstellung präsentiert. Es waren Künstler, die unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges Bilder schufen. Verständlicherweise kehrten sie damals zu einer figürlichen Malerei zurück, obschon die Kunstwelt längst abstrakt malte.

Mittwoch, 05.11.2014, 16:11 Uhr

„Late Evening on a Summer Day 1957“: So heißt dieses großformatige und fast idyllische Gemälde von Michael Andrews.
„Late Evening on a Summer Day 1957“: So heißt dieses großformatige und fast idyllische Gemälde von Michael Andrews. Foto: Jürgen Peperhowe

Zwei Stadtansichten im ersten, mit gelben Farbabstufungen aufgewerteten Ausstellungsraum führen nach London . David Bomberg hält 1944 in Blau- und Violett-Tönen eine Abendstimmung in der vom Krieg zerklüfteten Metropole fest. William Cold­stream tut es ihm gleich und malt 1946 „London Bombed Site“. Zerstörung und Neuanfang mögen die Londoner Künstler jener Generation dazu angeregt haben, ihr alltägliches Leben in den Blick zu nehmen und das Porträt sowie das Figurative der Abstraktion vorzuziehen.

So malt Lucian Freud Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre schlichte schöne Mädchenporträts. Auch Francis Bacon experimentiert fleißig mit Porträtstudien, ob er nun eine „liegende Figur“ abbildet oder das bekannte Velázquez-Porträt von Papst Innozenz X. verfremdet. Eine Version dieser bekannten Reihe ist auch in Münster zu sehen.

Die Kuratorinnen Dr. Tanja Pirsig-Marschall ( Westfälisches Landesmuseum Münster ) und Catherine Lampert (London) haben für den zweiten Raum der Ausstellung Werke zusammengetragen, die besonders durch ihre „Materialität“ faszinieren sollen. Leon Kossoffs sitzende Aktdarstellungen aus dem Jahre 1963 nehmen durch pastosen Farbauftrag gefangen.

Erst mit einigem Abstand ist die „Sitzende Nackte“ zu erkennen. Der Ausstellungstitel, der in Kombination mit dem Ausstellungsplakat vielleicht den Eindruck vermittelt, es gehe hier vorwiegend um Aktdarstellungen, verweist nach Auskunft von Direktor Dr. Hermann Arnhold vielmehr auf das „unmittelbare Leben“, das in der Nachkriegszeit neu entdeckt und wertgeschätzt wurde.#

„Das nackte Leben“: Gegenständliche Kunst im LWL-Museum Münster

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  • 120 Werke von 16 britischen Malern werden in der aktuellen Ausstellung im LWL-Museum ausgestellt.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Zu sehen sind beispielsweise Werke von wie Francis Bacon, Lucian Freud, Frank Auerbach und David Hockney.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Die Bilder entstanden zwischen 1950 und 1980.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Der Titel der Ausstellung steht für das Unmittelbare und die Wahrhaftigkeit der Künstler.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Die Künstler der ausgestellten Werke waren miteinander befreundet.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Die Ausstellung endet am 22. Februar 2015.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Sammler, Galerist und Kunstkenner: Dr. Wolfgang Henze vor einem Bild von David Hockney.

    Foto: Jürgen Peperhowe

In den 1960er Jahren wird dieses Leben unter Londons Künstlern immer bunter. Popkultur und individuelle Sinnfindung prägen die grellen Arbeiten von Richard Hamilton und Allen Jones. Saal vier der Ausstellung führt hingegen ins Atelier der Künstler zurück. In schnell hingeworfenen Skizzen von Frank Auerbach oder auf Richard Hamiltons Drucken „I’m Dreaming of a Black Christmas“ (1971) mit Sänger Bing Crosby im Zentrum ist das Prozesshafte und Experimentelle im Werk zu erkennen.

Frank Auerbach, William Coldstream und Lucian Freud geleiten den Besucher mit Landschaftsbildern im fünften Raum zurück zu klassischer Malerei. Die Ausstellung mündet in den 1970er und 1980er Jahren in unterschiedliche Motivik vom Akt über Landschaftsstudien bis hin zu Schwimmbadszenen, die Kuratorin Tanja Pirsig-Marschall als „reife Phase“ der Künstler definiert.

Wo kunsthistorisch interessiertes Fachpublikum möglicherweise unmittelbar ins Schwärmen gerät, sollte der Gelegenheitsbesucher tunlichst das umfangreiche Vermittlungsprogramm des Museums in Anspruch nehmen, um Einflüsse zu erkennen und Strömungen sinnvoll nachzuvollziehen. Diese Ausstellung, so sensationell die Zusammenstellung und die Bündelung klangvoller Namen auch sein mag, verlangt dem Betrachter doch einiges ab.

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