Außergewöhnliches Sinfoniekonzert
Klangfarben mit Farbtönen

Münster -

Sie lieben ihn, den Pianisten mit dem hellen Haarkranz und der hochgeschlossenen Jacke: Als Anatol Ugorski die letzten virtuosen Läufe von Beethovens fünftem Klavierkonzert aus dem Flügel gewirbelt hatte, sprangen einige Zuhörer begeistert von ihren Sitzen. Doch der einst aus Leningrad nach Deutschland geflohene Pianist lächelte verschmitzt die Zugabenwünsche hinweg und machte stattdessen eine Ansage: „Jetzt kommt Skrjabin!“

Mittwoch, 11.03.2015, 18:03 Uhr

Farben des Feuers und des Himmels in Münsters Großem Haus. Mit einer Lichtinstallation führten die Orchester aus Münster und Hagen Alexander Skrjabins „Prométhée – Poème du Feu“ auf.
Farben des Feuers und des Himmels in Münsters Großem Haus. Mit einer Lichtinstallation führten die Orchester aus Münster und Hagen Alexander Skrjabins „Prométhée – Poème du Feu“ auf. Foto: Jürgen Christ

Zwei groß besetzte Kompositionen Alexander Skrjabins nämlich waren das Hauptprogramm dieses münsterschen Sinfoniekonzerts . Eigentlich hätte das Orchesterstück „Poème de l’Extase“ am Beginn stehen sollen, vor dem Beethoven-Konzert. Doch der Tausch hatte Sinn: Nach dem ekstatischen Klangrausch des Russen hätte sich Beethovens Es-Dur-Konzert eher karg ausgenommen.

Drum also Skrjabins Klang-Ekstase direkt vor der Pause. Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura hatte Münsters Orchester für die erforderliche Besetzung mit dem Philharmonischen Orchester Hagen verstärkt – das gleiche Programm wird nicht nur drei Mal in Münster , sondern am 24. März auch in der Stadthalle Hagen gespielt. Tatsächlich merkte man nicht, dass hier zwei verschiedene Orchester am Start waren: Ventura hatte sie zu einem homogenen Ensemble verschmolzen, das er mit beispielhafter Übersicht durch den gut 20-minütigen Musikrausch führte. Vom zarten Debussy-Flötenbeginn bis hin zu den Glocken-verstärkten Akkorden formte er üppige Klangwogen mit den silbrigen Schaumkronen von Solo-Trompeter Gernot Sülberg. Zugleich sorgte Ventura, etwa mit dem rhythmischen Beben der Streicher, für formale Orientierung. Eine packende Interpretation.

Mehr geht nicht? Doch, wie das ebenfalls 20-minütige Skrjabin-Poème nach der Pause zeigte. „Prometheus“, der mythologische Feuerbringer, kommt in dieser Komposition mit Licht-Effekten daher: Skrjabin, der die seltene Gabe besaß, Klänge als Farben zu hören, fügte seiner Partitur eine „Lichtklavier“-Stimme ein – zusätzlich zum üppigen Klavierpart, bei dem Anatol Ugorski gewissermaßen seine Zugabe nachlieferte. Die Farb-Stimme wurde in Münster von Lichtgestalter Jörg Schwarzer (!) und Lichtklavier-Spieler Harald Braun (!!) fantasievoll umgesetzt: Schweinwerfer auf der Bühne und im Zuschauerraum tauchten das Haus mal in himmelblaues, mal in rötliches Licht, andere Farben ergänzten das Bild. Die musikalische Struktur des Werks, das komplexer wirkt als das erste „Poème“, wurde dabei nicht etwa optisch verdoppelt, sondern kontrapunktisch angereichert: Der normale Konzertbesucher sieht dabei nicht unbedingt, was er hört. Gerade das macht die Sache spannend.

Am Schluss, als Konzertchor und Philharmonischer Chor dem Ganzen die Krone aufsetzten, leuchteten die Klangfarben noch weit üppiger als die Farbtöne. Außergewöhnlich.

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Die Aufführung am Sonntag in Münster ist ausverkauft. Für das Konzert in der Stadthalle Hagen gibt es noch Karten.

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